Macklemore-Rauswurf bei Ed Sheerans Tour:Wie sich die Nahost-Debatte in der Popmusik verschiebt
von Paul Manger und Cornelius Janzen
Der Rauswurf von US-Rapper Macklemore ist zu einer "inneren Zerreißprobe" für Sänger Ed Sheeran geworden. Warum der Nahost-Konflikt einige Sprengkraft in der Musik hat.
Der Ausschluss von Rapper Macklemore aus dem Vorprogramm von Ed Sheerans US-Tour hat erneut eine öffentliche Debatte um Antisemitismus und Popkultur hervorgerufen.
18.09.2026 | 11:06 min"I don't care" passt in diesem Fall wohl nicht. Der Sänger dieses Songs, Ed Sheeran, steht unter Druck und fühlt sich offenbar dazu gezwungen, Stellung zum Gaza-Krieg zu beziehen. Seit Tagen wird über den Tour-Rauswurf von US-Rapper Macklemore diskutiert.
Die Kontroverse habe ihn "in die Mitte eines wichtigen und leidenschaftlichen Streits über die Redefreiheit und das komplexeste politische Thema des Planeten" geworfen, sagte Sheeran. Bei seinem ersten Auftritt nach dem Rauswurf verurteilte er sowohl das Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 in Israel als auch das israelische Vorgehen im Gazastreifen.
Die Musik- und Kunstwissenschaftlerin Susanne Binas-Preisendörfer beobachtet bei Sheeran eine "innere Zerreißprobe". Der Musiker habe sich in einer "höchst misslichen Situation" befunden:
Er möchte seine Tour weiter gestalten, kann sein Everybody-Darling-Image aber nicht aufs Spiel setzen.
Susanne Binas-Preisendörfer, Professorin für Musik und Medien
Was war passiert?
Anfang des Monats stand Macklemore bei zwei Konzerten in East Rutherford nahe der Millionenmetropole New York vor Sheeran auf der Bühne. Macklemore - mit bürgerlichem Namen Benjamin Haggerty - äußert sich seit Jahren pro-palästinensisch und nutzte auch diesen Auftritt dafür, seine Solidarität mit den Palästinensern deutlich zu machen.
"Einer der Gründe, warum ich bei dieser Tour mitmachen wollte, war, dass ich hier auf Bühnen und in Stadien in ganz Amerika stehen und zwei Worte sagen kann, die mir sehr am Herzen liegen: Free Palestine", sagte Macklemore beim ersten Konzert, wie aus Videoclips hervorgeht, die er selbst auf Instagram veröffentlichte. "Ich möchte, dass diese Worte laut und deutlich zu hören sind, damit die Menschen von Gaza bis ins besetzte Westjordanland wissen, dass wir sie nicht vergessen haben."
Beim nächsten Konzert sagte er: "An alle meine jüdischen Brüder und Schwestern: Kritik an Israel, Kritik an der Apartheid, die Ablehnung von Völkermord - das ist in keiner Weise eine Kritik an euch. Meine Botschaft gilt dem Frieden; der Liebe dafür, dass alle Menschen mit Würde, Respekt und Gleichberechtigung behandelt werden."
Mehrere jüdische Organisationen riefen Sheeran daraufhin dazu auf, Macklemore auf der Tour nicht weiter auftreten zu lassen. "Meinungsfreiheit bedeutet nicht Freiheit von Verantwortung. Deine Show. Deine Bühne. Deine Verantwortung", hieß es beispielsweise in einer Petition des Israeli-American Council.
Wenige Tage später teilte Macklemore mit, dass "Sheeran und sein Team" ihn aus der Tour gestrichen hätten. Sheeran wies kurz darauf die Verantwortung für den Rauswurf zurück und betonte, dies sei die Entscheidung des Tourveranstalters gewesen, nicht seine. Er selbst habe in den vergangenen Tagen ausgiebig unter anderem mit Vertretern der Veranstaltungsorte, dem Tourveranstalter und "Aktivisten auf beiden Seiten" gesprochen, um eine gemeinsame Lösung zu finden, aber ohne Erfolg, so Sheeran.
Währenddessen verließen aus Solidarität mit Macklemore auch vier weitere Bands und Künstler aus dem Vorprogramm die Tour: Aaron Rowe, Lukas Graham, die Band Beoga und Finneas O'Connell, auch bekannt als enger Wegbegleiter seiner Schwester Billie Eilish. "Künstler dürfen nicht zum Schweigen gebracht werden, wenn sie ihre Stimme für Unterdrückte erheben", begründete O'Connell seinen Rückzug.
Der US-Milliardär Robert Kraft besitzt unter anderem ein Stadion im US-Bundesstaat Massachusetts nahe der Metropole Boston, in dem Sheeran im Rahmen der "Loop"-Tour Ende des Monats zweimal auftreten soll. Kraft ist jüdisch - und war hinter den Kulissen wohl maßgeblich mit für den Ausschluss von Macklemore aus dem weiteren Tour-Vorprogramm verantwortlich.
Seine Veranstaltungsstätte sei keine Plattform für Hassreden, hatte Stadionbesitzer Kraft seine Entscheidung gegen Macklemore begründet. Der Rapper bringe bereits eine "breitere Historie antisemitischer Rhetorik" mit, was zutiefst verletzend für die jüdische Gemeinde sei, so Kraft.
Als Macklemore nach dem Ausschluss bekanntgab, dass er Tour-Einnahmen in Höhe von rund einer Million US-Dollar an Palästinenser spenden wolle, forderte er auch Kraft zu einer Spende auf. Kraft und Sheeran kündigten daraufhin ihrerseits eine Spende an, um der humanitären Krise in der Region zu begegnen. Kraft teilte mit, dass ihn Sheeran zuvor selbst kontaktiert und gebeten habe, sich mit zwei Millionen US-Dollar an dessen Spende gegen die humanitäre Krise in der Region zu beteiligen.
Quelle: dpa
Warum ist der Nahost-Konflikt so präsent in der Popwelt?
Künstler stehen mit ihrer Kunst im permanenten Dialog mit der Öffentlichkeit. "Es kann passieren, dass sie diese Öffentlichkeit dazu nutzen, auch in Parolen oder Slogans ihre Position zu äußern, wie etwa 'Free Palestine'", erläutert Binas-Preisendörfer. Der Nahost-Konflikt sei zwar nicht so nah an Europa wie der Ukraine-Krieg, aber durchaus präsenter.
Zum einen weil die Positionen dazu stark voneinander abweichen, und zum anderen, weil er als globalerer Konflikt gesehen werden könne. Der aktuelle Nahost-Konflikt mit seinen grausamen Bildern spreche die humanitären Gefühle der Menschen an, keiner könne sich dem verwehren, sagt die Kunst- und Musikwissenschaftlerin.
Die Menschen und die Künstler fühlen sich von der Komplexität des Konflikts im Alltag überfordert.
Susanne Binas-Preisendörfer, Professorin für Musik und Medien
Dass so viele Menschen sich in Stadien vor eine Bühne stellen und sich mit den Musizierenden verbunden fühlen, habe auch etwas damit zu tun, dass man sich symbolisch verbunden fühle, auch mit ihren Aussagen, so Binas-Preisendörfer gegenüber ZDFheute.
Ed Sheeran verliert nach Macklemores Ausschluss weitere Support-Acts. Lukas Graham, Beoga und Aaron Rowe sagen ihre Auftritte wegen des Umgangs mit pro-palästinensischen Äußerungen ab.
16.09.2026 | 0:57 minKünstler sind immer nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Sie haben natürlich eine Bühne, um zu sprechen und sind sichtbar.
Susanne Binas-Preisendörfer, Professorin für Musik und Medien
Das Problem sei vor allem ein zunehmender Populismus, der auch in Parolen auf der Bühne stattfinde. "Wir beobachten auch in den Wissenschaften, dass Populismus zunimmt, auf beiden Seiten." Das habe auch etwas damit zu tun, dass die heutige Medienlandschaft, auch mit Social Media, geradezu dazu auffordere, sich kurz und bündig zu positionieren, so die Musik- und Kunstwissenschaftlerin.
Verhärtete Fronten seit dem 7. Oktober
Statt Solidarität mit den Opfern in Israel stand seit dem 7. Oktober in Teilen der Popwelt vor allem die Kritik an Israels militärischer Reaktion im Mittelpunkt. Pink Floyd Mitgründer Roger Waters spekulierte wenige Wochen nach dem Angriff in einem Interview mit dem Journalisten Glenn Greenwald, der Überfall könne eine "False Flag" Operation gewesen sein:
Wie zum Teufel konnten die Israelis nicht wissen, dass das passieren würde? Das stinkt doch zum Himmel.
Roger Waters, Mitgründer Pink Floyd
Roger Waters bezeichnet den Hamas-Angriff als "aufgebauscht". Brian Eno verglich die jetzige Zeit mit einer "Kristallnacht". Verbreiten sie Stereotype?
17.11.2023 | 9:51 minAuch Elektro-Pionier Brian Eno äußerte sich kurz nach dem 7. Oktober bei einem Konzert in Utrecht zum Krieg in Gaza. Dabei zeichnete er das Bild eines rachsüchtigen Israels, das von dunklen Kräften beeinflusst werde und vom Krieg profitiere. Den Angriff der Hamas erwähnte er nicht. Zudem zog Eno Parallelen zur Zeit des Nationalsozialismus und der Pogromnacht.
Ist Macklemore zu weit gegangen?
Auch Macklemore greift in seinem Song "Fucked Up" aus dem vergangenen Jahr historische Bezüge auf. Darin montiert er zum Beispiel das Bild eines jüdischen Jungen im Warschauer Ghetto mit Aufnahmen eines Palästinensers im Westjordanland. Für den Zentralrat der Juden in Deutschland verharmlost Macklemore damit die Shoah. Zudem nutze er Verschwörungsmythen, um gegen Juden zu hetzen.
Im dazugehörigen Video suggeriert er, ein jüdisches Ehepaar habe während der Waldbrände in Kalifornien die Wasservorräte kontrolliert. Die Vorstellung einer von Juden gelenkten Welt gehört zu den ältesten antisemitischen Verschwörungserzählungen. Im Video wird sie zudem durch eine Montage aus Davidstern und Dollarzeichen symbolisiert. Der Fokus der Debatte verschiebe sich derzeit vollständig, meint Sozialwissenschaftler Lukas Geck.
Auschwitz, ein Ort der deutschen Schuld. Marian Turski war eine Stimme der Versöhnung und Mahnung. Er überlebte die Hölle von Auschwitz. 2025 starb er. Seine Worte bleiben.
27.01.2026 | 2:31 minEs steht nicht mehr das eigentliche Problem im Vordergrund, nämlich dass Macklemore antisemitische Narrative verbreitet, sich Verschwörungserzählungen bedient und die Shoah relativiert. Der Fokus liegt allein auf der Tatsache, dass er vermeintlich gecancelt wurde.
Lukas Geck, forscht zum Thema Antisemitismus im Pop
Dabei gerate auch ein weiterer Punkt völlig außer Acht: Jüdinnen und Juden seien auf solchen Konzerten kaum noch sicher, sagt Geck. Und genau das sei ein Problem.
Ex Pink Floyd Musiker Roger Waters reagierte auf den Macklemore-Ausschluss vor wenigen Tagen mit einer Videobotschaft an Ed Sheeran. Darin beschimpfte er Sheeran und erklärte, Macklemore gehöre zu den Menschen, die einfach "das Richtige" täten, während Sheeran "das Falsche" tue.
Früher gab es politische Boykottkampagnen. Seit dem 7. Oktober ist erkennbar, dass der Druck aus der Musikwelt selbst kommt. Roger Waters steht dabei an vorderster Front und setzt Kolleginnen und Kollegen unter Druck. Das hat inzwischen einen sehr autoritären Charakter angenommen.
Lukas Geck, Sozialwissenschaftler
"I don't care" sang Ed Sheeran im Jahr 2019, die Zeiten in denen ein solches Statement noch möglich war, sie scheinen längst vorüber.
Paul Manger ist ZDF-Redakteur und Reporter für das ZDF-Landesstudio Bremen und ZDFheute, Cornelius Janzen ist ZDF-Redakteur und Reporter für 3sat Kulturzeit.
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