Fall Luigi M.: Wie Amerikaner einen Mord verherrlichen

Versicherungschef in USA getötet:Was Amerikaner einen Mord verherrlichen lässt

Anna Kleiser vor dem US-Kapitol

von Anna Kleiser, Washington D.C.

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Nur Stunden nach der Tat verteidigen Posts und Kommentare online den Mord an einem Versicherungsboss. Die Wut auf das US-Gesundheitssystem entlädt sich mit Hass und Häme am Opfer.

Mitten auf der Straße in New York wird der Chef der Krankenversicherung UnitedHealthcare, Brian Thompson, erschossen. Nur Stunden später ist das Internet voll mit Posts und Kommentaren, die den Mord verherrlichen und verteidigen.

Nach der Festnahme des 26-jährigen Tatverdächtigen Luigi M. wird er teilweise als "Held" gefeiert. "Das ist also unser Robin Hood", schreibt ein Nutzer bei Instagram. Eine andere Nutzerin fragt: "Warum wird das gefeiert?" Eine Antwort unter dem Kommentar lautet: "Weil das Gesundheitswesen im letzten Jahr 50 Milliarden Dollar an kranken Menschen verdient hat, die ihren letzten Dollar bezahlen."

UnitedHealthcare gehört zu den größten Krankenversicherern in den USA, beschäftigt 440.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von 371 Milliarden Dollar (353 Milliarden Euro).

Brian Thompson war seit 20 Jahren im Unternehmen tätig und leitete UnitedHealthcare seit 2021.


Politik beklagt, dass Tötung eher gefeiert als verurteilt wird

Behörden, Polizei und Politik bemühen sich, Kommentare dieser Art zu verurteilen. Der demokratische Gouverneur von Pennsylvania, dem Bundesstaat, in dem M. festgenommen wurde, betont, er verstehe, dass "die Leute wirklich frustriert sind über unser Gesundheitssystem". Das rechtfertige jedoch keinen Mord.

Dieser Mörder ist kein Held. Er sollte nicht gefeiert werden.

Josh Shapiro, Gouverneur Pennsylvania

Shapiro warnt davor, Thompson zu entmenschlichen und zum Symbol für ein System zu machen, "das vielen missfällt".

Doch genau das passiert online. Über diverse Online-Plattformen hinweg entlädt sich der Ärger auf ein kaputtes Gesundheitssystem, indem auf niederträchtige Weise der Tod eines Mannes verherrlicht wird.

US-Gesundheitssystem: "Teuer, kompliziert, dysfunktional"

Anders als in Deutschland werden in den USA Krankheitskosten eher als Privatangelegenheit wahrgenommen. Millionen Amerikaner sind gar nicht versichert. Das Gesundheitssystem ist ungemein kompliziert, mit riesigen gewinnorientierten Versicherern, gemeinnützigen Unternehmen und staatlichen Programmen.

Die Vielzahl der Anbieter decken in unterschiedlichsten Tarifen unterschiedlichste Versorgungen ab. Vor der Behandlung müssen Versicherer diese Leistungen meist freigeben.

Mitarbeiter der New York City Police untersuchen Tatort.

Mitarbeiter der New York City Police untersuchen den Tatort in Manhattan.

Quelle: epa

Robert H. Shmerling von der medizinischen Fakultät der Harvard Medical School beschreibt das System 2021 als teuer, kompliziert, dysfunktional und kaputt. Eine Folge: massive Ungleichheit.

Das derzeitige US-Gesundheitssystem neigt auf grausame Weise dazu, eine qualitativ hochwertige Versorgung für diejenigen zu verzögern oder zu verweigern, die sie am dringendsten benötigen, sich aber die hohen Kosten nicht leisten können.

Robert H. Shmerling

Krankenversicherungen könnten von einer Behandlung abraten, um die Kosten niedrig zu halten, so Shmerling.

Kritik an Versicherer UnitedHealthcare

In einer Umfrage der unabhängigen Kaiser Family Foundation (KFF) berichten sechs von zehn Erwachsenen von Problemen dabei, ihre Versicherung in Anspruch zu nehmen.

US-Journalist Nicholas Florko beschreibt, dass den Menschen dann nur bliebe, selbst zu bezahlen, die Entscheidung notfalls vor Gericht anzufechten oder Schulden aufzunehmen, um die Rechnungen zu bezahlen. Daher fühlten sich viele so machtlos.

UnitedHealthcare, der Konzern an dessen Spitze Thompson stand, gehört zu den größten Krankenversicherern. Mehrere US-Medien berichten davon, dass das Unternehmen teils aggressive Taktiken nutze, um Ansprüche Versicherter abzulehnen.

Branchen-Insider nicht von Reaktionen überrascht

Wendell Potter war selbst einst Vizepräsident des Versicherers Cigna und ist inzwischen zu einem lauten Kritiker der Praktiken der Branche geworden. Er ist nicht überrascht von dem Hass und der Häme online.

Die Versorgung von Patienten würde systematisch verweigert und hinausgezögert, so Pottern gegenüber TMZ, und das, obwohl die Beiträge ständig stiegen.

Die Menschen bekommen nicht die Versorgung, die sie brauchen.

Wendell Potter, Center for Health and Democracy

Die Amerikaner müssten verstehen, dass die Lage dadurch bedingt sei, dass das System von der Wall Street gesteuert werde. Es sei traurig, dass es einen Vorfall wie diesen gebraucht habe, um das Thema auf die Agenda zu setzen, so Potter.

Hass alarmiert Fachleute

Bei dem Tatverdächtigen Luigi M. wurde laut Ermittlern ein Dokument gefunden, in dem dieser Versicherungsindustrie kritisieren soll. Dass er dafür von Zehntausenden gefeiert wird, kommentiert ein Nutzer so:

Die Unterstützung von Mord ist einfach verrückt, die Gesellschaft ist so gewissenlos geworden.

kommentiert Ryan bei Instagram

Dass ein anderer darauf antwortet: "Niemand kümmert sich um den Kerl, der vom Leid der Menschen profitiert. Scheiß auf ihn", besorgt Fachleute.

Das Network Contagion Research Institute der Rutgers-Universität befürchtet in einer ersten Analyse, dass die glorifizierende Darstellung und Gewaltverherrlichung zu weiteren Gewalttaten ermutigen könne.

Anna Kleiser ist Korrespondentin in ZDF-Studio Washington.

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Quelle: dpa

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