Nach Flydubai-Vorfall:Experte zur Beinahe-Flugkatastrophe: "Ein ziemliches Wunder"
Mehrere Faktoren trugen dazu bei, dass die Flydubai-Maschine nach einer Gewalttat im Cockpit sicher landen konnte. Luftfahrtexperte Spaeth sieht eine zentrale Sicherheitslücke.
Luftfahrt-Journalist Andreas Spaeth ordnet die Spekulationen und Fragen zum Flydubai-Flug ein.
01.10.2026 | 13:05 minNach dem Angriff im Cockpit der Flydubai-Maschine nach Tel Aviv bleiben noch viele Fragen offen. Dank einer gemeinsamen Kraftanstrengung der Piloten und Passagiere konnte eine Katastrophe verhindert werden. Wie knapp entgingen sie ihr? Und haben Sicherheitsmaßnahmen an Bord versagt?
Luftfahrtexperte Andreas Spaeth ordnet den Vorfall im Interview mit ZDFheute live ein. Sehen Sie das Interview oben im Video und lesen Sie es unten in Auszügen. Das sagt er zu...
... der Rettung der Maschine
"Es ist im Moment, Stand jetzt, ein ziemliches Wunder, dass das Flugzeug überhaupt in einem Stück am Boden noch sicher landen konnte", meint Spaeth. Mehrere Glücksfaktoren hätten zusammen "eine positive Wirkung erzielt" und dazu geführt, dass alle Passagiere und das Flugzeug gerettet wurden:
- Die Piloten von Flydubai, die nicht im Einsatz, aber an Bord der Maschine waren, wohl um einen anderen Flug nach der Landung in Tel Aviv zu übernehmen. Diese konnten dann "die eigentlichen Piloten quasi im fliegenden Wechsel ersetzen." Es handelte sich dabei um "Fachleute, die qualifiziert sind, auch bei Flydubai fliegen, diese Maschine fliegen und dann wirklich sozusagen als frische Kräfte die Verletzten ersetzen konnten", erklärt Spaeth.
- Die Belastbarkeit des Flugzeugs: Ein weiteres Glück, "was wahrscheinlich sogar noch größer war", so Spaeth, sei die Tatsache, "dass das Flugzeug nicht aus physischer Überbelastung abgestürzt ist". Es hätte bei dem Sturzflug aus großer Höhe und der hohen Sinkrate "hinten das gesamte Leitwerk, also das steil aufragende Heck des Flugzeuges" abbrechen können, erklärt der Experte: "Wir sehen nämlich, dass am Boden ein ganz wesentlicher Teil an diesem Heck fehlt, nämlich das große lange Seitenruder. Das ist abgerissen. Das ist auch kein Wunder, denn es sind hier extreme Kräfte aufgetreten." Dazu müsste man sich die bekannten Werte vor Augen führen, so Spaeth. Bei der Sinkrate von mehr als 5.000 Metern in 90 Sekunden sei die Maschine "quasi fast zu Boden gestürzt" und sei etwa zehnmal so hoch wie üblich.
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01.10.2026 | 7:57 min... Sicherheitslücken im Cockpit
Luftfahrtexperte Spaeth weist in diesem Zusammenhang auf mehrere Ebenen der Sicherheit in der Kabine hin. Zum einen gebe es die menschliche Komponente. Da spielten Backgroundchecks der Piloten durch die Airlines eine Rolle. "Wenn hinter der Tür im Cockpit die Gefahr lauert, dann ist es ungleich gefährlicher, weil da keine Barriere mehr da ist", erklärt Spaeth. Bei dem Co-Piloten aus Oman, der den Flugkapitän angegriffen hat, stelle sich die Frage, ob alle Sicherheitsmaßnahmen bei der Durchleuchtung der Person gegriffen hätten.
Ein weiterer Punkt, um diese "Gefahr von innen" zu bannen, sei die "physische Schutzfunktion dieser hermetisch abgeriegelten Cockpittür", sagt Spaeth. Diese könne nur von innen über einen speziellen Entriegelungshebel geöffnet werden. Der Pilot habe es trotz seiner Verletzung "irgendwie geschafft, dass die Tür von außen geöffnet werden konnte", erklärt Spaeth: "Das geht im Normalfall nur über eine Reaktion aus dem Cockpit, sprich eben die Genehmigung, dass man die Tür öffnet."
Diese physische Schutzwirkung der dicken Cockpit-Tür sei deshalb ein "zweischneidiges Schwert": Sie biete zwar dadurch, dass man sie nur schwer aufkriegt, einen guten Schutz vor Angriffen von außen, es bliebe dann aber diese "Gefahr von innen", betont Spaeth. Grundsätzlich würden für die Crew-Mitglieder übrigens die gleichen Standards gelten wie für Passagiere - etwa auch bei der Mitführung von Gegenständen. Spaeth vermutet deshalb, dass nicht ein Messer, sondern die im Cockpit platzierte Notaxt die Tatwaffe gewesen sein könnte.
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Spaeth weist darauf hin, dass während des Sturzflugs ein Notfallcode aus dem Cockpit eingegeben wurde, der dafür genutzt wird, um mit der Flugsicherung zu kommunizieren, wenn eine Verbindung über den Funk nicht möglich ist. Aufgrund dieses konkreten Notfallscodes musste die Flugsicherung davon ausgehen, dass es sich um eine Entführung handele. "Dann müssen zum Beispiel die Flugsicherungskollegen, also die Fluglotsen, den Luftraum freiräumen und diesem Notfall absolute Priorität geben, damit eben auch keine anderen Flugzeuge in der Nähe sind", erklärt der Experte.
"Also wirklich machen können sie aktiv natürlich nichts, sie können die Maschine gar nicht landen vom Boden aus, aber zumindest diese Vorkehrung, zum Beispiel den Luftraum eben freizuräumen, dass es zu keinen Zusammenstößen kommt in der Luft", sagt Spaeth. Das sei in diesem Fall auch tatsächlich geschehen.
Das Interview führte ZDFheute-live-Moderatorin Jessica Zahedi. Ausgewertet hat es ZDFheute-Redakteur Lukasz Galkowski.
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