Angeblich "unkalkulierbare Risiken":USA: Warum Google Millionen von Mücken freisetzen will
von Oliver Klein
Google plant die Freisetzung von Millionen mit Bakterien infizierten Mücken, um Krankheiten zurückzudrängen. Gegner warnen vor "unkalkulierbaren Risiken" - was steckt dahinter?
Schon 2023 gab es ein Experiment mit Millionen von sterilisierten männlichen Tigermücken in der Schweiz.
07.09.2023 | 4:38 min"Debug" heißt das Google-Projekt, man könnte es sinngemäß mit "Entmücken" übersetzen. Der Begriff passt zum Tech-Unternehmen: In der Branche wird er eigentlich verwendet, wenn es um das Beseitigen von Fehlern in Computerprogrammen geht.
Nun will Google Mücken bekämpfen - und zwar mit Mücken: Innerhalb von zwei Jahren will der Mutterkonzern Alphabet in den USA bis zu 64 Millionen mit einem Bakterium infizierte Mücken freisetzen. Damit soll die Mückenpopulation verringert werden - und damit auch durch Mücken übertragene Krankheiten wie Malaria oder Dengue.
Social Media: User sehen "unkalkulierbare Risiken"
In Sozialen Medien wird bereits eindringlich gewarnt: "Ein schockierendes, neues Kapitel der globalen System-Matrix öffnet sich direkt vor unseren Augen", heißt es in einem Facebook-Posting. Von "unkalkulierbaren Risiken für den gesamten Planeten" ist die Rede.
Der Online-Sender "Kla.TV" behauptet, dass "bakteriell verseuchte Mücken" die ganze Population letztlich "viel robuster" machen würden, sogar von "Kriegswaffen gegen die Menschheit" ist die Rede.
Was ist dran an den Behauptungen? Was genau plant Google, was soll das bringen - und wie riskant ist ein solches Unterfangen? ZDFheute mit einem Faktencheck.
Warnung bei Facebook zum Google-Projekt: Birgt das Vorhaben Risiken?
Quelle: Screenshot: Facebook 01.06.2026Google gegen Mücken: Was genau ist geplant?
Ziel des Projekts ist es, gezielt jene Mückenart zu bekämpfen, die das West-Nil-Virus und die St.-Louis-Enzephalitis übertragen. Dafür wird die betreffende Spezies in speziellen Anlagen gezüchtet und mit dem natürlich vorkommenden Bakterium Wolbachia infiziert. Anschließend sortiert ein KI-System männliche und weibliche Tiere voneinander. Freigelassen werden ausschließlich die männlichen Mücken.
Paaren sich diese Wolbachia-Männchen mit wild lebenden Weibchen, die nicht mit dem Bakterium infiziert sind, entwickeln sich deren Eier nicht weiter. Wird dieser Vorgang über mehrere Generationen wiederholt, schrumpft die Population der Zielart deutlich. Das Projekt ist bisher bei der US-Umweltbehörde EPA beantragt, aber noch nicht genehmigt.
Die Impfstoffallianz "Gavi" meldet weniger schwere Malariafälle in Afrika. Es fehle jedoch durch die Kürzungen der Entwicklungshilfe an Geld, um die Erfolge zu sichern, warnt die WHO.
24.04.2026 | 0:27 minWie groß ist das Experiment angelegt?
Der Faktencheckseite "Snopes" zufolge betraf einer der Anträge von Google 64 Millionen Mücken in Kalifornien und Florida über zwei Jahre, ein weiterer betraf 32 Millionen Tiere über drei Jahre in New Jersey, Florida und Kalifornien. Das klingt zunächst viel, muss aber mit vergleichbaren Experimenten in Relation gesetzt werden:
So wurden in Singapur nach Medienberichten in den vergangenen zehn Jahren über 300 Millionen männliche Wolbachia-Mücken produziert und freigesetzt. Die Zahl stammt demnach von der Umweltbehörde Nea.
Bei dem Google-Vorhaben handelt es sich also eher nicht um ein gigantisches Massenexperiment, erklärt auch der Mikrobiologe Achim Hörauf von der Universität Bonn im Gespräch mit ZDFheute. Wie gut die Bekämpfung funktioniert, hänge vor allem von der Größe des Areals ab, in der die Mücken ausgebracht werden.
Rund 600.000 Menschen starben 2024 an Malaria. Die Weltgesundheitsorganisation WHO registrierte 2024 einen Anstieg der Fallzahlen. Besonders Afrika ist betroffen.
04.12.2025 | 0:43 minWolbachia-Bakterien: Was ist der Vorteil der Methode?
Der Vorteil liegt in der gezielten Bekämpfung einer einzigen Mückenart, während andere Arten davon nicht betroffen sind - anders als bei einer Bekämpfung mit Pestiziden. "Man greift also nur relativ gering in das gesamte Ökosystem ein. Würde man mit der chemischen Keule drüberfahren, hätte man viel mehr Insekten dezimiert", so Hörauf.
Die Methode hat sich weltweit bereits als erfolgreich erwiesen: In Singapur gingen laut einer aktuellen Studie sowohl die Mückenpopulation als auch die Krankheitsfälle deutlich zurück. Eine 2025 veröffentlichte Studie zeigte, dass die Freisetzung von mit Wolbachia infizierten Mücken in der brasilianischen Stadt Niterói die Zahl der Dengue-Fälle um 89 Prozent senkte. Mehr als 16 Millionen Menschen in 15 Ländern seien inzwischen durch diese Methode geschützt worden – "ohne negative Folgen", sagt Scott O’Neill, Gründer des World Mosquito Program.
Auch die Tigermücke gilt als potenzielle Überträgerin von Chikungunya. Beim Fraunhofer Institut in Gießen versuchen sie, dem gefährlichen Krankheitsüberträger genetisch beizukommen.
09.07.2024 | 2:50 minWo liegen die Grenzen der Methode?
"Man kann diese Technik immer nur anwenden, wenn die Wolbachien noch nicht in den Insekten vorhanden sind", erklärt Mikrobiologe Hörauf. Die Strategie funktioniert nur, wenn sich infizierte Mückenmännchen mit nicht-infizierten Weibchen paaren.
Sind allerdings beide infiziert - oder nur das Weibchen - können sie sich erfolgreich vermehren. Insofern stößt die Methode an ihre Grenzen, sobald sich das Bakterium in der Mückenpopulation stark verbreitet hat. Der Effekt nach dem Ausbringen der Mücken lässt zudem nach einiger Zeit nach - wenn wieder andere Mücken in das Gebiet einwandern.
Doch auch, wenn die Vermehrung der Mücken selbst nicht mehr gebremst wird, gibt es einen weiteren Vorteil, wenn ein Großteil der Mückenpopulation mit dem Bakterium infiziert ist: Mücken, die Wolbachia beherbergen, seien etwas "fitter", brüten ihre Eier schneller aus und übertragen dadurch weniger Viren wie Dengue oder Zika, erklärt Hörauf.
Der Sommer ist da, Zeit für einen ruhigen Tag im Grünen – wären da nicht die lästigen Mücken, Zecken und Co. Welche Tipps gibt es zum Schutz vor Insektenstichen?
10.07.2025 | 2:36 minBirgt das Projekt "Debug" unkalkulierbare Risiken?
Der Einsatz von Wolbachia-Mücken wird von Gesundheitsbehörden wie der US-amerikanischen CDC als sicher eingestuft. Die CDC weist auf ihrer Webseite darauf hin, dass etwa 60 Prozent aller Insekten das Bakterium ohnehin in sich tragen. Es könne andere Tiere oder den Menschen nicht krank machen, heißt es. Mit Wolbachia infizierte Mücken seien auch nicht genetisch verändert. Dass die Methode unkalkulierbare Risiken beinhaltet, glaubt auch Experte Achim Hörauf nicht.
Wissenschaftliche Debatten über Risiken beziehen sich ausschließlich auf die langfristige Wirksamkeit der Strategie: Forscher untersuchen, ob Viren Resistenzen gegen die Wolbachia-Blockade entwickeln könnten oder wie sich etwa technische Fehler - zum Beispiel bei der Trennung der Geschlechter und dadurch versehentlich freigesetzte infizierte Weibchen - auf das angestrebte Projektziel auswirken. Eine Gefahr für die Bevölkerung ist nach derzeitigem wissenschaftlichem Stand ausgeschlossen.
Mit Material von AFP
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