Bayreuther Festspiele: Der Grüne Hügel als Ort der Kunst lebt

150 Jahre Wagner-Mythos:Bayreuther Festspiele: Die unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte

von Hannah Kristina Friedrich

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150 Jahre Bayreuther Festspiele - die unwahrscheinliche Geschichte eines großen Welttheaters. Ein Jubiläum, aufgeladen mit allen Schrecken der Geschichte und Triumphen der Oper.

Grafik eines Porträts von Richard Wagner und einer Menschenmenge

Das Festspielhaus Bayreuth wurde einzig für das Werk Richard Wagners geschaffen. Vor 150 Jahren hat er dort seinen monumentalen "Ring" uraufgeführt.

25.07.2026 | 15:27 min

Ein Mann fasst einen Plan. Er will eine neue Kunst erschaffen. Das Publikum soll dabei vollständig eintauchen in das Kunstwerk. Dafür lässt Richard Wagner ein Theater bauen. Ein Festspielhaus nur für seine Werke. König Ludwig II. bezahlt den Traum.

1876 eröffnet Bayreuth mit der Uraufführung des Weltendramas "Ring des Nibelungen" - 16 Stunden Musik an vier Abenden. Da gilt Wagner längst als größter deutscher Komponist. Europas Adel reist an: Kaiser, Könige, Industrielle, Schriftsteller, Komponisten und Philosophen. Mitten unter den Gästen: Friedrich Nietzsche. Den jungen Philosophen verbindet mit Wagner eine enge Freundschaft. Er glaubt, in Bayreuth Zeuge einer neuen, revolutionären Kunst zu werden. Stattdessen erlebt er einen Personenkult um Richard Wagner.

Bayreuth

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24.07.2026 | 2:51 min

Die ersten Festspiele enden im finanziellen Desaster. Bayreuth steht vor dem Aus. Sechs Jahre später wagt Wagner einen zweiten Anlauf. Mit seinem letzten Werk "Parsifal". Es geht um Mitleid, Glauben, Erlösung. Wagner will, dass es ausschließlich in Bayreuth aufgeführt werden darf.

Die Festspiele werden einmal im Jahr zum Wallfahrtsort für Wagnerianer. Der Theaterbau thront auf dem Grünen Hügel, am Fuße der fränkischen Kleinstadt, schlicht und schön, ohne Pomp und Getöse, mit seiner einzigartigen Akustik. Das Orchester, unsichtbar im "mystischen Abgrund" verborgen, erzeugt den legendären Bayreuther Klang.

Wolfram Reimer | Staatsminister für Kultur und Medien

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24.07.2026 | 5:48 min

Musik als Religionsersatz

Auch nach Wagners Tod 1883 pilgern die Menschen auf den Grünen Hügel, um etwas zu erleben, das es nur dort gibt. Barrie Kosky, der erste jüdische Regisseur in Bayreuth, beschreibt es so:

Bayreuth, das ist nicht einfach nur ein Theater, das ist ein Tempel, das ist Mekka, das ist Jerusalem für Wagnerianer.

Barrie Kosky, Regisseur

"Kinder! Macht Neues!", hatte Richard Wagner einmal geschrieben: Seine Nachfahren in Bayreuth tun nach seinem Tod lange das Gegenteil. Seine Witwe Cosima übernimmt die Festspiele und wacht mit eiserner Disziplin über jedes Detail. Keine Geste, kein Bühnenbild, keine musikalische Nuance soll von Wagners Vorstellungen abweichen.

Statt Kunstwerkstatt der Zukunft - ein Ort der Bewahrung eines Werkes, das aus dem Geist der Erneuerung entstanden ist. Genau dieser Widerspruch macht Bayreuth bis heute aus.

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Die Festspiele unter dem Schutz Hitlers

Dann legt sich der große Schatten über Bayreuth. Mit der Hetzschrift "Das Judenthum in der Musik" legt Richard Wagner 1850 den Grundstein für ein Denken, das weit über seinen Tod hinauswirkt. Im Umfeld der Familie wird es gepflegt und mit der völkischen Rassenideologie verbunden.

Die Nähe zur Macht suchten die Wagners immer schon. Festspielleiterin Winifred Wagner ist eine glühende Verehrerin Adolf Hitlers und bleibt es bis weit in die Nachkriegszeit. Hitler ist ab 1923 schon regelmäßig Gast im Hause Wahnfried. Die Kinder nennen ihn Onkel Wolf. Die Festspiele stellt er unter seinen persönlichen Schutz.

Bayreuth wird das kulturelle Schaufenster des Nationalsozialismus. 1944 sollen geschwächte Front-Soldaten sich bei den sogenannten Kriegsfestspielen bei Wagner-Aufführungen erholen. Danach verstummt der Grüne Hügel.

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Neubeginn nach dem Krieg

1951 eröffnen die Brüder Wieland und Wolfgang Wagner mit "Neubayreuth" die Festspiele. Ein neuer Stil und ihr Rechtfertigungsnarrativ: "Hier gilt's der Kunst" - nicht der Politik - sollen helfen, Wagner und die Festspiele zu rehabilitieren.

Eine Trennung von Politik und Kunst wirkt bei einem politischen Künstler wie Richard Wagner auf manchen Kritiker wie eine Verweigerung, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen

Auf der Bühne räumt Wieland auf mit Hörnerhelmen, Pappfelsen und Germanenkitsch. Licht, Raum und Symbolik treten an ihre Stelle. Das Publikum spricht von der "Entrümpelung" Bayreuths.

Saisonstart auf dem Grünen Hügel

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Bayreuth erreicht den Höhepunkt seiner Erfolgsgeschichte

Eine Zäsur auch 1976. Zum 100. Jubiläum inszeniert der 31-jährige Franzose Patrice Chéreau den "Ring des Nibelungen" völlig neu. Er verlegt Wagners Götter in das Zeitalter der Industrialisierung. Aus dem Mythos wird eine Geschichte über Kapital, Macht und Ausbeutung. Das Publikum ist schockiert. Heute gilt Chéreaus "Jahrhundert-Ring" als eine der einflussreichsten Operninszenierungen überhaupt.

Fast jede Inszenierung, die heute als legendär gilt, wurde bei ihrer Premiere erst einmal bekämpft.

Bayreuth ist wieder Maß aller Dinge, als Harry Kupfer 1988 den "Ring" inszeniert: 380.000 Kartenwünsche müssen abgelehnt werden.

Richard Wagner Skulptur,goldene Figur auf dem Gruenen Huegel vor dem Festspielhaus.

In Bayreuth beginnen die Wagner-Festspiele. Neben Promi-Auflauf gibt es künstlerische Experimente: „Die Meistersinger von Nürnberg“ gibt’s bunt und überraschend tanzbar.

25.07.2025 | 1:29 min

Neue Regisseure, neue Perspektiven

Mit Katharina Wagner beginnt die nächste Generation. Sie holt Regisseure auf den Grünen Hügel, die das Publikum herausfordern: Christoph Schlingensief, Hans Neuenfels, Frank Castorf, Barrie Kosky oder Tobias Kratzer. Manche Inszenierungen werden gefeiert, andere gnadenlos ausgebuht. Fast alle lösen heftige Debatten aus.

Seit 150 Jahren macht genau das Bayreuth aus. Hier geht es nie nur um Oper. Sondern um die Frage, wie Kunst heute erzählt werden kann. Jede Generation widerspricht der vorherigen - und genau deshalb lebt der Grüne Hügel als Ort der Kunst bis heute.

Hannah Kristina Friedrich ist ZDF-Redakteurin und Reporterin für 3sat Kulturzeit.

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Über dieses Thema berichtete das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF am 24.07.2026 ab 5:30 Uhr.

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