Die Wissens-Kolumne von NANO und Terra X:Gene sind kein Schicksal bei Schizophrenie
von Andreas Meyer-Lindenberg
"Genetisch" heißt nicht unausweichlich: Schizophrenie ist bis heute von starken Vorurteilen geprägt. Was dahintersteckt - und wie wir Stigma bei psychischen Krankheiten überwinden.
Wenn in einer Familie mehrere Kinder an Schizophrenie erkranken, drängt sich eine bedrückende Frage auf: Was ist in dieser Familie anders? Lange Zeit wurden vor allem die Mütter beschuldigt. Die Vorstellung von der "schizophrenogenen Mutter", also einer kalten, widersprüchlichen, emotional unzugänglichen Mutterfigur, prägte über Jahrzehnte das Denken über diese Erkrankung. Wissenschaftlich haltbar war das nie. Schaden angerichtet hat es trotzdem.
In der Wissens-Kolumne von NANO und Terra X auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpertinnen und Gastexperten jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.
Schizophrenie verstehen: Welche Rolle Gene spielen
Die Geschichte der Familie Galvin, in der sechs von zehn Brüdern an Schizophrenie erkrankten, führt vor Augen, warum diese alten Deutungen überholt sind. Denn bei dieser Familie ließ sich belegen, dass die starke Häufung einen biologischen Hintergrund hat.
Heute wissen wir: Bei Schizophrenie gehen etwa 80 Prozent des Erkrankungsrisikos auf die Gene zurück, der Rest auf Umweltfaktoren. Das heißt nicht, dass es ein einzelnes "Schizophrenie-Gen" gäbe. Es heißt aber sehr wohl, dass Veranlagung eine zentrale Rolle spielt.
Sechs schizophrene Brüder und ein medizinisches Rätsel, das zeigt, wie Stigma und Vorurteile psychische Erkrankungen verschärfen können: Leon Windscheid ist für Terra Xplore auf der Spur der Familie Galvin.
23.02.2026 | 16:31 min
Was im Gehirn passiert - nicht nur bei Schizophrenie
Bei der Galvin-Familie fand man eine Veränderung in einem sogenannten SHANK-Gen. Diese Gene enthalten Baupläne für Eiweiße, die für die Kontaktstellen zwischen Nervenzellen - die Synapsen - wichtig sind. Das sind die Orte, an denen Gehirnzellen Informationen austauschen.
Solche Veränderungen sind nicht nur bei Schizophrenie relevant, sondern auch bei anderen neuropsychiatrischen Störungen. Das zeigt, dass es nicht um starre Krankheitsgrenzen geht, sondern um verwundbare biologische Systeme, konkret um das sich entwickelnde menschliche Gehirn.
Mario ist sensibel und humorvoll. Niemand sieht ihm an, dass er Dauergast in der Psychiatrie ist. Er würde sich wünschen, als psychisch Kranker mehr Akzeptanz zu bekommen.
29.04.2023 | 15:15 minGefährliches Stigma: Wenn etwas "genetisch" ist
Schizophrenie ist bis heute stark stigmatisiert. Betroffene gelten vielen immer noch als unberechenbar oder "anders". Doch obwohl genetische Erklärungen unser Verständnis der Schizophrenie grundlegend erweitert haben, lösen sie das Stigma nicht automatisch auf.
Im Gegenteil: Wie Untersuchungen zeigen, können sie es sogar verschärfen. Wer hört, eine Erkrankung sei "genetisch", denkt schnell an Defekt, Unausweichlichkeit und dunkles Familienerbe. Wenn genetisches Wissen falsch verstanden wird, wird aus der Erklärung rasch ein neues Etikett.
Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Depression: Wenn es auch hier Stigmatisierung gibt, hat sie in den letzten Jahren relevant abgenommen. Dazu beigetragen haben auch Begriffsbildungen wie "Burnout", die eine Beziehung zur Arbeitslebenswelt herstellen und für viele Menschen besser nachvollziehbar sind.
Psychisch Kranken wertschätzend begegnen
Wie kann man Stigma abbauen? Hier hat die Forschung einige wichtige Handlungsfelder herausgearbeitet. Ein wichtiger Ansatz ist es, Betroffenen im Alltag und auf Augenhöhe zu begegnen.
Menschen mit psychischen Erkrankungen erleben oft, dass sie plötzlich auf ihre Diagnose reduziert, bevormundet oder abgelehnt werden. Wenn wir den Betroffenen als gleichwertige, fähige Partner in einem Gespräch erleben, bricht das effektiv unser Vorurteil auf, psychisch Kranke seien grundlegend "anders" oder "schwächer".
Psychische Leiden wie Autismus, Schizophrenie oder eine bipolare Störung können nützlich sein, wie die NANO-Doku zeigt. Die Evolutionsgeschichte führt uns vor Augen: Neurodiversität ist ein Erfolgsmodell.
10.10.2025 | 43:52 min
Warum mentale Gesundheit uns alle betrifft
Es hilft zudem, unser Verständnis von psychischer Gesundheit anzupassen: Weg von der strikten Trennung in "gesund" auf der einen und "psychisch krank" auf der anderen Seite, hin zu fließenden Übergängen.
Jeder von uns kennt Phasen von tiefer Traurigkeit, innerer Unruhe oder extremer Erschöpfung. Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass wir uns alle auf ein und derselben Skala der mentalen Gesundheit bewegen - nur eben an unterschiedlichen Punkten und in verschiedenen Lebensphasen -, relativiert sich das künstliche "Wir gegen Die".
Wichtige Hebel: Früherkennung und Unterstützung
Dabei ist eine Unterscheidung entscheidend: Gene erhöhen zwar das Risiko, aber sie schreiben kein Lebensdrehbuch. Wenn die Erkrankung auftritt, sagt Genetik wenig darüber, wie schwer sie verlaufen wird, wie früh sie erkannt wird oder wie gut Behandlung, soziale Unterstützung und Teilhabe gelingen. Auch Schizophrenie ist mit modernen Methoden gut erkennbar und behandelbar. Gene sind kein Schicksal.
Depression und Selbststigma gehen oft Hand in Hand. Doch warum schämen wir uns für psychische Erkrankungen? Jasmina Neudecker entdeckt mit Christian Durstewitz bei Terra Xplore, wie wir diese Scham überwinden.
21.07.2025 | 27:06 min...ist Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim, Ärztlicher Direktor der dortigen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für Neurologie.
Seit 2014 gehört er zu den am meisten zitierten Wissenschaftlern der Welt. Darüber hinaus ist er federführender Herausgeber der Fachzeitschrift "Neuroscience Applied". Seine Forschungsinteressen liegen in der Entwicklung von neuen Behandlungsmethoden für schwere psychische Störungen, insbesondere der Schizophrenie, durch Anwendung von multimodalem Neuroimaging, Genetik und sozialen Neurowissenschaften.
Meyer-Lindenberg ist motiviert von dem Ziel, besonders schwer verlaufende psychische Erkrankungen zu vermeiden, bessere passgenaue Therapien zu entwickeln und das Stigma zu vermindern.
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