Die Wissens-Kolumne von NANO und Terra X:Was der Trend "Manosphere" mit jungen Männern macht
von Markus Theunert
Fitness, Geld, Macht - und Frauenhass: Die "Manosphere" zieht junge Männer in ihren Bann. Warum hinter radikalen Aussagen aber oft ein übersehener Hilferuf steckt.
Der ehemalige Kickboxer Andrew Tate wurde mit frauenverachtenden und gewaltverherrlichenden Aussagen reich. Unzählige Influencer auf den sozialen Medien folgen seinem Beispiel. Viele dieser Männlichkeitscoaches und "Manfluencer" wirken auf den ersten Blick gar nicht unsympathisch. Sie sprechen über Sport und gesunde Ernährung, geben Tipps für alle möglichen Lebenssituationen und ermuntern junge Männer offensiv dazu, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen.
In der Wissens-Kolumne von NANO und Terra X auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpertinnen und Gastexperten jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.
Problematisch ist das, was dahinter steht: ihr Menschen- und Gesellschaftsbild. Denn sie reden jungen Männern ein, Anspruch auf eine dominante gesellschaftliche Position zu haben, über Frauen verfügen zu dürfen und reich werden zu müssen, um ein ganzer Mann zu sein. Diese Botschaften transportieren manche plump und aggressiv, andere einschmeichelnd und subtil.
Toxische Männlichkeit ist auf dem Vormarsch. Machos aus Politik und Wirtschaft werden zu Role-Models der Mannosphäre, Misogynie breitet sich aus.
21.05.2026 | 43:36 minWas die "Manosphere" antreibt
Wissenschaftlich ist "Manosphere" (zu deutsch: Manosphäre) ein Sammelbegriff für virtuelle Räume und Diskurse, die auf zwei Annahmen beruhen: erstens der Idee, dass "Männlichkeit" immer mehr entwertet werde, was die Verweichlichung und Verweiblichung von Männern antreibe. Die Kritik an "toxischer" Männnlichkeit gilt dabei als Beleg und "echte" Männer würden immer öfter diskriminiert.
Zweitens die Unterstellung, dass Frauen, Feminismus, Gleichstellung und/oder Gender-Ideologie an dieser Entwicklung schuld seien, diesen Prozess strategiegeleitet vorantreiben, davon profitieren und deswegen bekämpft werden müssen.
Männer sind öfter von Suizid und Sucht betroffen: Ist "toxische Männlichkeit" schuld daran? Leon trifft Thomas nach seiner Depression und erfährt, welche Rolle Gender dabei spielt.
05.08.2024 | 27:10 minWarum falsche Thesen Millionen erreichen
Diese Annahmen sind wissenschaftlich nicht haltbar. Trotzdem stimmt ein Drittel bis zur Hälfte aller jungen Männer in Deutschland männlichkeitsideologischen Aussagen wie "Ein Mann sollte dazu bereit sein, sich gegen Beleidigungen mit Gewalt zu wehren" zu.
Selbst wenn Jugendliche auf TikTok & Co. gar nicht aktiv nach Manosphere-Inhalten suchen, werden sie ihnen laut einer Studie spätestens nach einer halben Stunde in ihren Newsfeed gespült. Bekunden sie Interesse, machen sie nach wenigen Stunden die große Mehrheit aller angezeigten Beiträge aus.
Andrew Tate gilt als "König der toxischen Männlichkeit" und Teenager bejubeln seinen Auftritt als Alpha-Mann. Die Polizei ermittelt gegen ihn wegen Vergewaltigung und Menschenhandel.
13.05.2023 | 15:17 minDie gefährliche Seite der "Männlichkeitscoaches"
Das inhaltliche Spektrum ist breit und nicht alle Manfluencer legitimieren Gewalt. Beiträge mit Fitness-, Ernährungs- oder Motivationstipps können auch positive Wirkungen haben. Eltern, Lehrpersonen und andere Bezugspersonen männlicher Jugendlicher berichten jedoch mit zunehmender Dringlichkeit von problematischen Wirkungen:
- "Männlichkeit" wird zum starren Anforderungskatalog umgedeutet, der Dominanz, Übergriffigkeit und Gewalt rechtfertigt, nahelegt oder sogar einfordert.
- Männliche Emotionen und Verletzlichkeiten werden abgewertet, Selbstbeherrschung, Härte und emotionale Kälte idealisiert. Manche Manfluencer ermuntern beispielsweise offensiv dazu, Gefühle zu unterdrücken und mit Willenskraft zu überwinden. Die Unterdrückung von Emotionen schwächt jedoch die mentale Gesundheit und ist ein Risikofaktor für Suizide.
- Männlicher Erfolg wird mit Reichtum und materiellem Besitz gleichgesetzt. Dadurch wird Jungen und Männern vermittelt, dass sie ohne Reichtum und materielle Besitztümer Versager seien.
- Manfluencer behaupten, dass Schule Zeitverschwendung ist und werten schulische Anstrengung und Leistung als "unmännlich" ab.
- Diskriminierende, oft gewalttätige und hassvolle Sprache normalisieren Vorurteile, Sexismus und Abwertung. Jungen übernehmen die Rhetorik von Online-Influencern, machen abfällige Bemerkungen und sexualisieren das Aussehen von Mädchen und Frauen. Lehrerinnen berichten auch von zunehmenden Abwertungen und Einschüchterungsversuchen von männlichen Schülern.
- Manfluencer verknüpfen Männlichkeit untrennbar mit heterosexueller Orientierung und fördern dadurch Homophobie und Schwulenhass.
Was machen Stereotype und Geschlechterrollen mit uns? Wie es ist, wenn man nicht ins Männerbild passt, erfährt Leon Windscheid in "Stereotype - wenn du nicht ins Rollenbild passt" von Avi Jakobs, die sich als nicht-binär definiert.
05.08.2024 | 27:09 minWas wie Rebellion wirkt, ist ein Hilferuf
Entsprechend achtsam sollten Eltern sein, wenn ihre Kinder solche Überzeugungen äußern. Empfohlen wird ein interessiertes Nachfragen, kein kritisches Abwerten. Denn die Empfänglichkeit für Männlichkeitsideologien ist immer auch als Appell zu verstehen, dass Jungs auf ihrem Weg zum Mannsein Unterstützung und Orientierung benötigen.
Looksmaxxing: Ein Trend auf Social Media, bei dem männliche Teenager und junge Erwachsene alles tun, um perfekt auszusehen. Doch die Methoden sind oft drastisch.
18.07.2025 | 44:30 minJungen sollen gerne ein Mann sein
"Jungesein" heute ist tatsächlich sehr widersprüchlich. Während die Erwachsenenwelt von ihnen emotionale und soziale Kompetenzen einfordert, stehen in der gleichgeschlechtlichen Jungsgruppe immer noch die "harten Jungs" ganz oben. Im Umgang mit diesen widersprüchlichen Botschaften brauchen Jungen Begleitung.
Dabei stehen ganz besonders die Väter in der Verantwortung. Gleichzeitig sollte auch gesellschaftlich stärker darüber gesprochen werden, wie es Jungen gelingen kann, gern ein Mann zu sein und dabei fair zu handeln.
... ist Psychologe, Soziologe und Fachmann für Männer- und Geschlechterfragen. Er ist fachlicher Leiter des Kompetenzzentrums männer.ch und Autor verschiedener Sach- und Fachbücher. Er ist verantwortlich für die Plattform www.manosphere.ch, die Eltern und Fachpersonen, Grundlageninformationen und Orientierung vermittelt.
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