Ex-SPD-Chef Gabriel über die AfD:Man kann eine "40-Prozent-Partei nicht mal eben verbieten"
Hält nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt die Brandmauer zur AfD? Ex-SPD-Chef Gabriel widmete sich dem Thema kürzlich in einem Buchaufsatz. Nun äußert er sich dazu im ZDF.
Sigmar Gabriel (SPD) in seinem Amt als Bundesaußenminister am 31.08.2018.
Quelle: ImagoSigmar Gabriel ist ehemaliger SPD-Parteivorsitzender, Vizekanzler und hatte bereits mehrere Kabinettsposten inne. Er kritisiert die Brandmauer und die fehlende Auseinandersetzung mit der AfD. Im ZDF-Interview spricht Gabriel über die AfD, die Problematik eines Verbotsverfahrens, Fehler in der Brandmauer-Debatte und die Rolle der Partei im Osten.
ZDFheute: Die letzten Umfragen sehen die AfD in Sachsen-Anhalt bei etwa 40 Prozent. Warum ist diese Partei so stark?
Sigmar Gabriel: Ich glaube, es hat verschiedene Gründe.
Aber im Osten ganz besonders, repräsentiert sie scheinbar auch eine kulturelle Bewegung, dass viele Menschen in Ostdeutschland über die AfD ihren Stolz zurückbekommen, den Eindruck haben, jetzt sind wir wieder wer. Wir zeigen den Wessis mal, dass wir uns hier nicht bevormunden lassen.
Sigmar Gabriel, ehemaliger SPD-Chef und Vizekanzler
Es hat da so einen kulturellen Bestandteil bekommen. Aber im Kern ist die AfD natürlich nach wie vor eine ziemlich undemokratische Partei, eine, die vieles zu Recht kritisiert, viele Kritikpunkte der AfD sind ja nicht falsch, aber die Auswege für Deutschland vorschlägt, die katastrophal wären.
Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt könnte sich die AfD im Vergleich zu vor fünf Jahren verdoppeln. Die CDU muss mit starken Verlusten rechnen. ZDFheute live zum ZDF-Politbarometer Extra.
28.08.2026 | 27:03 minZDFheute: Wo würden Sie sagen haben die etablierten Parteien, vielleicht auch die SPD, im Umgang mit der AfD Fehler gemacht?
Gabriel:
Alle miteinander haben sich zufriedengegeben mit dem Begriff Brandmauer.
Sigmar Gabriel, ehemaliger SPD-Chef und Vizekanzler
Wenn das etwas ist, wo eine demokratische Partei eine rote Linie zieht zu Antidemokraten, dann ist das in Ordnung. Aber wenn danach keinerlei Auseinandersetzung folgt mit den politischen Inhalten dieser antidemokratischen Partei, dann wird das sozusagen zu einem Schlagwort. Hinter diesem Schlagwort hat es sich die AfD ziemlich bequem gemacht. Keiner hat sie inhaltlich herausgefordert. Im Gegenteil, sie fanden das eigentlich ganz gut, dass keiner mit ihnen reden will. Das war sicher ein Fehler.
Eine Brandmauer gegenüber der AfD nannte Weidel „das Undemokratischste, was es gibt“.
23.08.2026 | 0:37 minZDFheute: Die AfD verspricht "im Himmel ist Jahrmarkt". Warum glauben die Leute diesen Parolen?
Gabriel: Ich glaube, dass die Menschen diese Parolen gar nicht hören, oder wenn sie sie zur Kenntnis nehmen sagen, ach, das sagen die jetzt so, es wird schon nicht so schnell kommen. Das eigentliche Motiv ist ein ganz anderes, es den Etablierten, den Eliten, vor allen Dingen den westdeutschen Eliten mal zu zeigen. Einige sind auch dabei, viele Wähler, die einfach mal das Unterste zuoberst krempeln wollen, Zerschlagung dessen, was sie als unzureichende Demokratie erleben. Es gibt wenig Nachdenken darüber, welche Folgen das am Ende haben wird.
Aber ich glaube nicht, dass die AfD wegen ihres Programms gewählt wird. Die wird gewählt als Blitzableiter, als eine Partei, die möglicherweise in der Lage ist, Deutschland vollständig zu verändern.
Sigmar Gabriel, ehemaliger SPD-Chef und Vizekanzler
Bloß, was das dann heißt für unsere Demokratie, darüber denken offensichtlich nicht allzu viele besonders nach.
ZDFheute: AfD-Chefin Alice Weidel bezeichnet Politiker im ZDF-Sommerinterview als "Flachzangen". Ist der raue Ton auch Teil des Programms der AfD?
Gabriel: Das finde ich eigentlich den schlimmsten Teil.
Die AfD verbreitet Hass in Deutschland. Das ist ihr wesentlicher Motor.
Sigmar Gabriel, ehemaliger SPD-Chef und Vizekanzler
Sie appelliert jeden Tag an den inneren Schweinehund der Menschen. Wir wissen aus allen Erfahrungen, dass das Ende von Hass immer Gewalt ist. Die AfD predigt diesen Hass jeden Tag gegen die Demokratie, gegen andere Parteien, gegen alle, die anders denken als sie. Am Ende einer solchen Hasspredigt steht immer Gewalt. Davor habe ich eigentlich am meisten Angst. Nicht so sehr von den Inhalten, aber vor dieser sozusagen verhassten Haltung gegen alles andere und gegen das angebliche System.
Die AfD Sachsen-Anhalt wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Würde sie den nächsten Innenminister stellen: Hätte sie Zugang zu geheimen Informationen?
18.06.2026 | 3:08 minZDFheute: Vor dem Hintergrund: Wie stehen Sie zu einem AfD-Verbotsverfahren?
Gabriel:
Ich glaube, dass das Bundesverfassungsgericht die AfD nicht verbieten wird, weil sie nicht durchgängig aggressiv kämpferisch gegen die Bundesrepublik Deutschland vorgeht.
Sigmar Gabriel, ehemaliger SPD-Chef und Vizekanzler
Aber sie ist verfassungsfeindlich. Das ist ja ein Unterschied, ob man verfassungswidrig ist oder verfassungsfeindlich. Da gibt es viele Anzeichen dafür, dass es wichtige Repräsentanten, nicht nur Herrn Höcke, sondern auch andere gibt, die gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Deutschland verstoßen.
Dafür haben wir den Verfassungsschutz, dafür haben wir die Möglichkeit, solche Leute aus dem öffentlichen Dienst zu entfernen. Wir haben sogar die Möglichkeit, ihnen die Beteiligung an Wahlen zu verbieten. Also unterhalb dieser Verbotsschwelle gibt es eine ganze Menge Möglichkeiten, und ich staune, dass die nicht genutzt werden und stattdessen die große Keule rausgeholt wird des Verbots, wo wir doch ahnen, dass man eine in Sachsen-Anhalt 40-Prozent-Partei nicht mal eben verbieten kann.
Das Interview führte Andreas Huppert, Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio.
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