Angeklagter schweigt vor Gericht:Prozess um tödlichen Anschlag auf Verdi-Demo hat begonnen
von Petra Neubauer, München
Der Anschlag auf eine Verdi-Demo versetzte München vor knapp einem Jahr einen Schock. Zwei Menschen starben, 44 wurden verletzt. Nun steht der mutmaßliche Täter vor Gericht.
Bei einem Anschlag auf eine Verdi-Demo vor knapp einem Jahr starben zwei Menschen, 44 wurden verletzt. Seit heute muss sich der mutmaßliche Täter Fahrhad N. vor Gericht verantworten.
16.01.2026 | 1:40 minDen Vormittag des 13. Februar 2025 wird Claudia Weber nie vergessen. Die Geschäftsführerin der Gewerkschaft Verdi München wartet damals am Königsplatz auf den Demonstrationszug, als sie die Nachricht erreicht: Ein Mini Cooper ist in das Ende der Menschenmenge gefahren.
Ich kann mich noch erinnern, dass ich nur daran gedacht habe, hoffentlich ist es nicht so schlimm und hoffentlich werden alle wieder gesund.
Claudia Weber, Geschäftsführerin der Gewerkschaft Verdi München
Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllt: Eine 37-jährige Frau und ihre zweijährige Tochter erliegen wenig später ihren Verletzungen. 44 weitere Menschen werden teils schwer verletzt, einige kämpfen noch heute mit den Folgen.
Ermittler: Gezielter Anschlag
Noch am Tatort nimmt die Polizei den damals 24-jährigen Fahrer des cremefarbenen Kleinwagens fest. Es handelt sich um den afghanischen Staatsangehörigen Farhad N. Laut eigener Angaben war er im Dezember 2016 nach Deutschland gekommen. Sein Asylantrag wurde zwar abgelehnt, doch er erhält von der Stadt München ein vorläufiges Aufenthaltsrecht, das mehrmals verlängert wird.
Ermittler und Staatsanwaltschaft bewerten die Tat als gezielten Anschlag. Die Bundesanwaltschaft übernimmt den Fall und geht davon aus, dass Farhad N. aus einer übersteigerten religiösen Motivation heraus gehandelt hat.
Vor knapp einem Jahr raste ein Auto in München in eine Verdi-Demo - dabei wurden eine Mutter und ihr Kind getötet, Dutzende Menschen verletzt.
13.01.2026 | 1:40 minWörtlich formuliert sie das in ihrer Anklage so:
Er wähnte sich verpflichtet, als Reaktion auf das Leid von Muslimen in islamisch geprägten Ländern willkürlich ausgewählte Personen in Deutschland angreifen und töten zu müssen.
Auszug aus der Anklageschrift der Bundesanwaltschaft
Eine Tat, die tief erschüttert
Die Tat ereignet sich einen Tag vor der Sicherheitskonferenz, die die Stadt jedes Jahr vor besondere Herausforderungen stellt. An diesem Februartag waren die Demo-Teilnehmenden - Beschäftigte aus Kitas, Krankenhäusern, Bädern, Entsorgungsbetrieben und weiteren Bereichen - friedlich für soziale Gerechtigkeit und Tarifverbesserungen auf die Straße gegangen.
Dass ihre Aktion von einem Akt extremer Gewalt jäh unterbrochen wird, hinterlässt nicht nur bei den Betroffenen tiefe seelische und körperliche Narben, sondern auch in der gesamten Stadt und darüber hinaus ein Gefühl großer Bestürzung.
Opfer-Angehörige gegen Instrumentalisierung
Trotz der Trauer bittet die Familie darum, den Tod von Mutter und Tochter nicht zu instrumentalisieren. Die 37-jährige Amel wurde nach Angaben der Familie in Algerien geboren und kam im Alter von vier Jahren nach Deutschland. Sie war als Ingenieurin bei der Stadt München beschäftigt und hatte sich immer für Solidarität und gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung eingesetzt. Dies solle auch jetzt gelten, lässt die Familie in einem Statement festhalten.
Februar 2025: Ein mutmaßlicher Anschlag schockt München und ganz Deutschland.
13.02.2025 | 10:34 minEs ist eine Haltung, die Claudia Weber tief beeindruckt hat. "Das hat mir und uns auch die Kraft gegeben, im Sinne von Amel weiterzumachen und uns auch einzusetzen für Gerechtigkeit. Und dann auch wieder auf die Straße zu gehen und zu sagen, wir stehen zusammen und wir tun das jetzt und auch in Zukunft."
Eine Bank an der Isar in München, einem ihrer Lieblingsplätze, erinnert nun an Amel und ihre kleine Tochter.
Prozessauftakt in München - N. schweigt
Knapp ein Jahr nach der Tat beginnt vor dem 7. Strafsenat des Oberlandesgerichts München nun der Prozess gegen Farhad N. Ihm werden Mord in zwei Fällen, versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung und schwerer gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr vorgeworfen. Wie Verteidiger Johann Bund beim Prozessauftakt erklärt, will N. sich zur Tat nicht äußern. Auch zu seinen persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen wolle der 25-Jährige nichts sagen.
Zumindest an einigen Tagen will auch Claudia Weber zum Prozess kommen, nicht zuletzt um ihre Kollegen und Kolleginnen, die als Zeugen gehört werden, moralisch zu unterstützen. Der Prozess, so hofft sie, könne einigen helfen, mit allem zumindest etwas abzuschließen.
Bislang sind 38 Verhandlungstage anberaumt. Ein Urteil könnte im Juni fallen.
Petra Neubauer ist Reporterin im Landesstudio Bayern.
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