Streit bei "Keine Talkshow":Braucht die Polizei mehr Härte - oder mehr Kontrolle?
Jan Fleischhauer will eine Polizei, die entschiedener durchgreift. Anwalt Simón Barrera González sieht genau darin das Problem: zu viel Macht, zu wenig Kontrolle.
Jan Fleischhauer meint: Die Polizei muss konsequenter durchgreifen. Polizeikritiker Simón Barrera González entgegnet: Die Polizei darf nicht noch mehr Macht erhalten.
14.05.2026 | 28:44 minJan Fleischhauer und Rechtsanwalt Simón Barrera González reden über dieselbe Institution - aber fast über zwei verschiedene Welten. Für Fleischhauer ist die Polizei vor allem ein Garant von Ordnung, der zu oft ausgebremst wird. Für Barrera González ist sie eine Staatsmacht, die zu selten kontrolliert wird.
Der eine blickt auf brennende Barrikaden, Gewalt gegen Einsatzkräfte und eine Polizei, die sich aus seiner Sicht nicht mehr genug traut. Der andere auf Mandanten, die durch Polizeieinsätze verletzt wurden, auf strukturellen Rassismus und eine Behörde mit enormer Macht.
Fleischhauer beschreibt seine Erfahrung mit der Polizei als überwiegend positiv. Sie sei "wahnsinnig zivil, wahnsinnig freundlich", sagt er. Barrera González reagiert aus einer ganz anderen Perspektive: Wenn er Polizei sehe, löse das bei ihm "einen kurzen Moment der Angst oder vielleicht der Anspannung" aus. Für ihn ist Polizeigewalt kein Randthema, sondern ein strukturelles Problem.
Wenn in einer Polizeikontrolle in der S-Bahn nur die Person mit dunkler Hautfarbe nach dem Personalausweis gefragt wird, ist das dann Rassismus? Oder eine berechtigte Kontrolle - basierend auf polizeilichen Täter-Statistiken?
01.12.2022 | 34:14 minWie viel Respekt braucht der Staat?
Besonders scharf wird die Debatte, als Fleischhauer auf Gewalt gegen Einsatzkräfte verweist. Er spricht von brennenden Straßen, Angriffen auf Feuerwehr und verletzten Polizisten. Aus seiner Sicht hat der Respekt vor staatlichen Institutionen spürbar abgenommen.
Barrera González zweifelt schon die Grundlage dieser Erzählung an. Er misstraut Zahlen, die von der Polizei selbst stammen. Die Polizei übertreibe Gewalt gegen sich selbst und verharmlose eigene Übergriffe als Einzelfälle, sagt er.
"Keine Talkshow - Eingesperrt mit Jan Fleischhauer" ist eine Ergänzung etablierter Diskussionsformate. Ein schlichter Raum - fest installierte Kameras, kein Entkommen und zwei Diskutanten, die sich auf Augenhöhe begegnen. Das Thema ist vorgegeben. Was sie daraus machen, bestimmen sie selbst. Eine rund 30-minütige Sendung, kontrovers, emotional und doch immer darum bemüht, den anderen zu überzeugen.
Für Fleischhauer bleibt auch eine niedrigere Zahl alarmierend. Selbst wenn es statt Zehntausenden nur die Hälfte der Fälle wären, sei das immer noch "irre". Er erwartet, dass Polizisten nicht bedroht, bespuckt oder beleidigt werden. Barrera González kontert: Respekt sei keine Rechtskategorie. Ein Staat, der Gehorsam und Respekt einfordere, folge einem "autoritär geprägten Staatsverständnis".
Polizeigewalt: Einzelfälle oder Struktur?
Im Zentrum des Gesprächs steht bald die Frage, ob Polizeigewalt vor allem aus Fehlverhalten Einzelner entsteht - oder aus der Institution selbst. Fleischhauer ärgert sich über die Darstellung der Polizei als Truppe, die angeblich von Rassisten und Sexisten durchsetzt sei.
Verfahren wegen Polizeigewalt werden meist eingestellt. Bei ZDFheute live diskutieren Kriminologe Prof. Tobias Singelnstein und Manuel Ostermann von der Bundespolizeigewerkschaft.
16.05.2023 | 37:53 minDass es übergriffige Beamte, Rassisten oder problematische Einzelfälle gebe, bestreitet er nicht. Für ihn ist entscheidend, ob daraus ein strukturelles Problem der Polizei abgeleitet werden kann.
Barrera González widerspricht grundsätzlich. Die Polizei sei keine normale Berufsgruppe, sondern eine Institution, die der Staat mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet habe - "bis hin zu tödlicher Gewalt". Für ihn ist klar:
Es liegt an institutionellem Rassismus, den übrigens die Polizeigewerkschaften auch grundsätzlich leugnen.
Simón Barrera González, Rechtsanwalt
Institution, die bestehende Vorurteile verstärkt?
Institutioneller Rassismus bedeute nicht, dass einzelne Beamte bewusst rassistisch handeln müssten. Entscheidend sei, dass "in der gesamten Institution eine Struktur besteht, die bestehende Vorurteile verstärkt". Als Beleg verweist er auf die InRa-Studie.
In Frankfurt stehen 17 Polizisten unter Verdacht, im Dienst Gewalt angewendet und Straftaten vertuscht zu haben. Ermittler durchsuchten Wohnungen und Dienststellen.
10.10.2025 | 1:36 minFleischhauer hält den Begriff für problematisch. Wer von institutionellem Rassismus spreche, werfe nicht einzelnen Polizisten Fehlverhalten vor, sondern erkläre die Struktur selbst für rassistisch. Das sei "sehr weitgehend", sagt er - und für die Polizei letztlich ein vernichtendes Urteil.
Barrera González bleibt dabei: Viele Menschen erlebten Polizei anders als privilegierte Teile der Gesellschaft. Aus seiner Sicht werde oft unterschätzt, "wie anders sie Polizei erleben als andere".
Die InRa-Studie "Institutionen & Rassismus" untersuchte von 2022 bis 2024 Rassismus in staatlichen Institutionen und Behörden. Ein Teilprojekt befasst sich mit polizeilichen Kontrollen in Berlin und beschreibt dort Hinweise auf Racial Profiling: An sogenannten kriminalitätsbelasteten Orten gerieten laut Studie vor allem Menschen in den Blick der Polizei, die wegen Hautfarbe oder zugeschriebener Herkunft als "nicht deutsch" wahrgenommen werden.
Weiß gelesene Menschen fielen dagegen eher "aus dem Radar des polizeilichen Blicks". Besonders betroffen seien laut Studie junge Schwarze Männer beziehungsweise Männer of Color.
Bei politischen Einstellungen stellt die Studie Unterschiede zur Gesamtbevölkerung fest: Menschen, die bei der Polizei arbeiten, ordneten sich im Schnitt etwas weiter rechts der Mitte ein, neigten eher zu konservativen Parteien - besonders CDU/CSU - und machten sich häufiger Sorgen über Einwanderung.
Im Behördenvergleich fand die Studie zudem fast durchgehend höhere rassistische Einstellungen bei Beschäftigten des Zolls und der Bundespolizei. Als mögliche Erklärung nennt die Studie unter anderem die Ordnungsfunktion dieser Behörden und negative Kontakte im Rahmen von Kontrollen. Für politische Einstellungen bei Polizist*innen diskutiert sie außerdem Selbstselektion: Menschen mit bestimmten Einstellungen ergreifen demnach eher den Polizeiberuf.
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mahnt in einer Stellungnahme zur Einordnung: Die Teilnahme an der Befragung sei freiwillig gewesen, die Ergebnisse gäben nur Auskunft über die Befragten und ließen sich "nicht ohne Weiteres auf die gesamte Belegschaft übertragen". Zugleich betont das Bundesamt, die Studie als Impuls für weitere Arbeit an Diversität, Antidiskriminierung und Rassismusprävention zu nutzen.
Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
Härtere Strafen oder andere Prävention?
Zum Schluss weitet sich der Streit über Polizeigewalt hinaus aus. Es geht um Kriminalität insgesamt - und darum, wie der Staat darauf reagieren sollte. Fleischhauer sieht ein Problem in zu viel Milde. Als Beispiel nennt er pro-palästinensische Demonstrationen in Berlin. Dort würden aus seiner Sicht strafbare Parolen fallen, etwa mit Bezug auf die Hamas, oder antisemitische Hetze.
Wenn aus einer Demonstration heraus Straftaten begangen würden, müsse der Staat einschreiten. Sein Satz dazu ist knapp: "Einmal wird gesagt: Wasserwerfer, zweites Mal wird vorm Wasserwerfer gewarnt und dann wird der Wasserwerfer auch mal eingesetzt."
"Die Polizei, dein Freund und Helfer." Das sehen nicht alle Menschen so. Viele Einsatzkräfte, auch im Rettungsdienst und bei der Feuerwehr, erleben im Dienst Gewalt. Wie werden sie wo geschützt?
08.01.2026 | 3:45 minBarrera González hält diese Logik für falsch. Strafrechtsverschärfungen seien aus seiner Sicht kein Beleg dafür, Probleme ernsthaft zu bekämpfen:
Wir werden nicht weniger Vergewaltigungen haben durch härtere Strafen für Vergewaltigung.
Simón Barrera González, Rechtsanwalt
Polizei: Stärker durchgreifen oder sie stärker kontrollieren?
Auch Gewalt gegen Polizei werde nicht durch weitere Strafrechtsverschärfungen verschwinden. Seine Antwort lautet: mehr Bildung, mehr Jugendarbeit, mehr Prävention - und auch mehr Sexualerziehung und Empathie-Training.
Bei einer Demonstration in Essen werden zwei Polizisten von Demonstranten schwer verletzt. Diese Gewalt gegen die Polizei ist kein Einzelfall mehr, wir sprechen mit den betroffenen Beamten.
20.08.2025 | 4:07 minFleischhauer bezweifelt, dass solche Ansätze ausreichen, um akute Gewalt und Straftaten zu verhindern. Für ihn klingt das wie der Versuch, reale Gefahren "wegzutherapieren". Barrera González dagegen sieht genau darin den Kern: Wer Gewalt verhindern wolle, müsse früher ansetzen als beim Strafmaß.
Am Ende läuft die Diskussion auf eine Grundfrage hinaus: Muss die Polizei stärker durchgreifen - oder stärker kontrolliert werden? Für Fleischhauer gefährdet eine Polizei, die sich nicht mehr durchsetzt, den Rechtsstaat. Für Barrera González liegt die Gefahr genau auf der anderen Seite: bei einer Polizei, die zu viel darf und zu wenig kontrolliert wird.
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