Texte über Begehren, Schmerz, Verlust:Was wir von Nobelpreisträgerin Anne Carson lernen können
Die Literaturnobelpreisträgerin Anne Carson schreibt in ihren Büchern über Verlust und Schmerz. Was können wir von ihr über den Umgang mit diesen Gefühlen lernen? Ein Gespräch.
Reist für ihre Bücher weit in der Geschichte zurück: Literaturnobelpreisträgerin Anne Carson.
Quelle: Natalia Reich / Haus für Poesie / dpaEs gibt nur wenige Menschen in Deutschland, die sich so intensiv mit Anne Carson und ihrem Werk auseinandergesetzt haben wie Anja Utler. Die Dichterin und Übersetzerin hat mehrere Bücher und Texte Carsons ins Deutsche übersetzt - unter anderem "Autobiography of Red", das Buch, mit dem Carson weltbekannt wurde.
Mit ZDFheute hat Utler über das Besondere an Carsons Werk gesprochen - und was ihre Leser über universelle Gefühle wie Schmerz und Liebeskummer lernen können.
"Sie schreibt Gedichte für Menschen, die keine Gedichte mögen": Aspekte-Moderator Jo Schück über Literaturnobelpreisträgerin Anne Carson, die Lyrik mit anderen Genres verbindet und damit Erwartungen an Literatur auf den Kopf stellt.
08.10.2026 | 0:46 minZDFheute: Frau Utler, was haben Sie als Übersetzerin über und von Anne Carson gelernt?
Anja Utler: Für mich ist besonders spannend, dass Anne Carson Altphilologin ist. Das klingt erst einmal ungeheuer verstaubt - Altphilologin, die Beschäftigung mit Altgriechisch und Latein.
Aber das Faszinierende ist, dass die Antike bei Anne Carson cool wird.
Anja Utler, Dichterin und Übersetzerin
Die Schwedische Akademie ehrt Anne Carson für ihr Gesamtwerk. Die Verleihung findet am 10. Dezember 2026 in Stockholm statt. Der Preis ist mit etwa einer Million Euro dotiert.
08.10.2026 | 0:26 minZDFheute: Wie schafft Carson das?
Utler: Das liegt an ihrer Sprache, die ungeheuer beweglich ist, in einem Moment alltäglich oder lakonisch, im nächsten Moment poetisch und intensiv. Aber natürlich auch daran, wie sie mit antiken Stoffen umgeht. Sie übersetzt die Heldinnen und Helden aus der Antike für uns ins Heute.
Wenn wir uns zum Beispiel die "Autobiography of Red" anschauen, die Geschichte des roten Monsters Geryon, das von Herkules getötet wird. Carson wendet diesen Stoff und erzählt ihn als queere Liebesgeschichte zwischen diesen Figuren neu. Dadurch werden Leidenschaft, Begehren und Schmerz als etwas sichtbar, das alle kennen - und zwar zu allen Zeiten.
Anja Utler hat mehrere Bücher und Texte von Anne Carson ins Deutsche übersetzt.
Quelle: ImagoZDFheute: Was kann ich als Leser von Anne Carson über diese großen Gefühle und den Umgang mit ihnen lernen? Über Schmerz, über Liebeskummer?
Utler: Für mich war immer am stärksten, dass Anne Carson so weit in der Geschichte zurückgeht.
Sie zeigt diese Gefühle als etwas Zeitloses, das Menschen seit Jahrtausenden beschäftigt.
Anja Utler, Dichterin und Übersetzerin
Da sehe ich: Ich bin nicht allein mit diesen Gefühlen. Der Clou bei ihr ist aber auch, dass sie Gefühle als etwas zeigt, das wir nicht abschließen können, sondern mit dem wir uns immer wieder beschäftigen und das wir in Sprache übersetzen müssen.
Die Kanadierin Anne Carson hat den diesjährigen Literaturnobelpreis gewonnen. "Gelobt wird ihre Fähigkeit, griechische Mythen in die Gegenwart zu transportieren", so ZDF-Reporter Peter Twiehaus.
08.10.2026 | 2:05 minZDFheute: Welche Rolle spielt Anne Carsons eigene Biografie dabei - etwa der Bruder, der jahrelang aus ihrem Leben verschwand und kurz vor dem Wiedersehen starb?
Utler: Den Tod ihres Bruders hat Carson in "Nox" verarbeitet. Es ist ein höchst ungewöhnliches Buch, denn man kann darin nicht umblättern. Es ist ein Buch wie eine Ziehharmonika, die sich auffaltet, wie eine ewig lange Strecke, mit Text, mit Collagen, mit Bildern. Und diese Unendlichkeit dieses Textes deutet, glaube ich, auch darauf hin, dass sie Gefühle und die Auseinandersetzung mit ihnen als etwas eigentlich Unendliches begreift.
Zu Carsons bekanntesten Büchern gehören "Autobiography of Red" (1998), ein Versroman, der den griechischen Mythos von Geryon neu interpretiert, und "Nox" (2010), ein experimentelles Werk über das Leben und den Tod ihres Bruders. "Eros the Bittersweet" (1986) ist eine essayistische Untersuchung über die Natur der Liebe in der antiken griechischen Literatur.
ZDFheute: Welches Buch würden Sie empfehlen, wenn ich nun zum ersten Mal etwas von Anne Carson lesen möchte?
Utler: Als Übersetzerin würde ich sagen, Sie können überall hingreifen und werden bei ihr nicht enttäuscht werden. Deswegen hat sie mit Sicherheit auch den Nobelpreis gewonnen. Aber wenn man mit der "Autobiography of Red" beginnt, durch das sie weltweit bekannt geworden ist, dann haben Sie eine gute Chance, dass Sie auch Leute finden, mit denen Sie sich über das Buch unterhalten können.
Das Interview führte ZDFheute-Redakteur Kevin Schubert.
Mehr zu den Nobelpreisen
Schwedische Akademie in Stockholm:Anne Carson aus Kanada gewinnt Nobelpreis für Literatur
mit Video0:26Franzose und Japaner geehrt:Chemie-Nobelpreis: Forschung ebnete Weg für Arzneimittel
mit Video0:32Auszeichnung für Geisterteilchen:Physik-Nobelpreis 2026 geht an Astrophysiker Francis Halzen
mit Video2:40Entdeckungen zur Optogenetik:Medizin-Nobelpreis für Forscher aus Deutschland und den USA
mit Video3:05