Die Wissens-Kolumne von NANO und Terra X:Warum wir Gladiatoren nie abgeschafft haben
von Mirko Drotschmann
Warum fesseln uns Adrenalinjunkies, Unfälle und Extremsituationen? Die Antwort führt überraschend ins Alte Rom und zu uralten menschlichen Instinkten.
"Das ist das beste Video auf YouTube", lautet ein Kommentar unter einem Video, das 2014 auf dem YouTube-Kanal "On The Roofs" erschienen ist. Darin klettern zwei Männer ungesichert in schwarzen Kapuzenpullovern an einem roten Gerüst empor. Der Wind rüttelt bedrohlich an ihren Stirnkameras. Das Video findet seinen Höhepunkt, als sich die Kletterer in mehr als 600 Metern Höhe an der Spitze des Shanghai Towers mit einem High-Five feiern.
In der Wissens-Kolumne von NANO und Terra X auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpertinnen und Gastexperten jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.
Rund 100 Millionen Aufrufe sowie Applaus und Respekt in den Kommentarspalten zeigen: Offenbar lieben wir es, anderen dabei zuzuschauen, wie sie an ihre Grenzen gehen. Nur ist das viel weniger modern, als es zunächst scheint.
Es gibt extreme Jobs, manche sind sogar lebensgefährlich. "Terra X History" zeigt: Minenräumer, Gladiatoren und Bergleute brauchen starke Nerven und sind oft nur einen Schritt vom Tod entfernt.
09.08.2026 | 43:24 minDie Lust am sicheren Schrecken
Der US-amerikanische Psychologe Paul Rozin hat für eine verwandte menschliche Vorliebe einen eigenen Begriff gefunden: "gutartiger Masochismus". Gemeint ist die Lust an Erfahrungen, die unser Körper zunächst als unangenehm oder bedrohlich registriert, obwohl wir wissen, dass wir sicher sind.
Es ist der Achterbahn-Effekt. Das Herz klopft, der Kopf rast, aber unser Gehirn weiß: Ich bin angeschnallt, mir kann nichts passieren. Das ist heute so, wenn wir uns Videos mit waghalsigen Kletterern anschauen - und das war früher, im Alten Rom, nicht anders.
Das brutale Geschäft der Gladiatoren
Wenn sich Gladiatoren wie der Retiarius und der Secutor in einem der mehr als 200 Amphitheater des Römischen Reiches gegenüberstanden - der eine mit Netz, Dreizack und Dolch, der andere mit Schild und Schwert - jubelten ihnen die Massen begeistert zu. Hautnah dabei zu sein, wie sich Männer (und vereinzelt auch Frauen) bis aufs Blut bekämpft haben, wollte sich damals kaum jemand entgehen lassen.
Spitzenathlethen gab es schon in der Antike. Ein Sieg kann ewigen Ruhm und Freiheit bedeuten, eine Niederlage den Tod. Doch wie liefen die spektakulären Kämpfe im Kolosseum ab?
01.12.2016 | 5:43 minZwar ist einiges von dem, was wir heute über Gladiatoren zu wissen glauben, eher von Hollywood geprägt als von realen Ereignissen. Längst nicht immer endete ein Kampf mit dem Tod des Unterlegenen. Aber ein Munus, eine Gladiatorenschau, war tatsächlich Unterhaltung mit echtem Blut und echten Schmerzen.
Das Erfolgsgeheimnis der Gladiatorenkämpfe
Warum sich unsere Vorfahren so etwas freiwillig angeschaut haben? Eine einfache Antwort wäre: weil wir Menschen eben so sind. Ganz so simpel ist es aber natürlich nicht. Die römischen Spiele waren auch politische Instrumente und gesellschaftliche Großereignisse.
Und es gibt einen psychologischen Mechanismus, der uns mit den antiken Zuschauern auf überraschende Weise verbindet: unsere natürliche Aufmerksamkeit für Bedrohungen.
Sie sind der Inbegriff für Entertainment im Alten Rom. Todgeweihte Männer kämpfen vor einem blutrünstigen Publikum. Was ist dran an diesem Bild? 5 gängige Mythen auf dem Prüfstand.
05.03.2023 | 16:43 minNicht ohne Grund entstehen zum Beispiel nach Unfällen kilometerlange Gaffer-Staus auf der Gegenfahrbahn. Manchmal suchen wir die Bedrohung sogar gezielt - solange sie uns selbst nicht unmittelbar betrifft. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von "morbider Neugier".
Darum gewinnen echte Dramen
Der wesentliche Unterschied zwischen den antiken Besuchern von Gladiatorenkämpfern und uns heute ist: Wir haben es deutlich einfacher, unsere niederen Bedürfnisse zu befriedigen. Hätten die Römer zum Beispiel schon blutrünstige Horrorfilme streamen können, wären viele Gladiatoren vermutlich ziemlich schnell arbeitslos gewesen.
Extremsport bringt den ultimativen Adrenalinkick, den immer mehr Frauen suchen. Für den Nervenkitzel nehmen sie Strapazen und Verzicht in Kauf – und riskieren sogar ihr Leben.
17.06.2025 | 29:06 minUnd auch sonst bieten moderne Medien einige Möglichkeiten, über die unsere antiken Ahnen nicht verfügten. Aber, und das ist ganz wichtig: Am Ende gewinnt die Realität immer gegen die Inszenierung. Der existenzielle Kampf um Leben und Tod fasziniert uns wie kaum etwas anderes. Genau darin liegt auch die verstörende Anziehungskraft von Videos wie dem vom Shanghai Tower - das im Vergleich mit einer blutrünstigen Gladiatorenschlacht fast harmlos wirkt. Das Prinzip dahinter ist aber dasselbe.
Die Arena lebt bis heute
Genau deshalb wäre es auch unangebracht, sich hochnäsig über die Römer und ihre Vorlieben zu erheben. Ihre Amphitheater sind heute vielleicht Ruinen. Die Arenen aber, die gibt es immer noch. Sie passen nur inzwischen in unsere Hosentasche.
Wagnis ist ihr Beruf: Stuntfrauen leben mit hohem Risiko und extremen Nervenkitzel - in einem Berufsfeld, dass häufig von Männern dominiert wird.
04.02.2025 | 28:37 minDie letzten Ausgaben verpasst?
Auf unserer Themenseite können Sie alle Kolumnen von Terra X und NANO nachlesen.
Mehr zu Terra X
Nachrichten | Wissen:Terra X
Nachrichten | Wissen:Terra Xplore
3sat:NANO Magazin
Doku:Terra X Harald Lesch
Nachrichten | Wissen:Terra X History
Wissen:MrWissen2go Geschichte