Fachkräftemangel: Geschäfte mit der Anwerbung
Vietnamesische Auszubildende berichten von schlechten Unterkünften, fehlendem Lohn und fragwürdigen Arbeitsvermittlern. Systemische Probleme bei der Fachkräfteanwerbung werden offenlegt.
Deutschland sucht händeringend Fachkräfte, besonders in der Pflege. Tausende junge Menschen aus dem Ausland folgen deshalb dem Versprechen auf Ausbildung im Gesundheitswesen, Arbeit und eine bessere Zukunft. Doch für einige von ihnen entwickelt sich der Traum vom Leben in Deutschland, trotz Fachkräftemangels, zu einer existenziellen Herausforderung.
Zwischen Hoffnung und Ausbeutung
So erging es auch einer Gruppe Auszubildender aus Vietnam, die nach Thüringen gekommen war, um eine Ausbildung zur Pflegefachkraft zu beginnen. Statt eines erfolgreichen Starts berichten die jungen Menschen von beengten Wohnverhältnissen, ausbleibenden Lohnzahlungen und einer Ausbildung, die nach ihren Angaben nicht wie vereinbart durchgeführt wurde. Videoaufnahmen zeigen Schlafräume mit bis zu zehn Personen, Türen ohne Klinken und unzureichende sanitäre Bedingungen.
Gemeinsam mit anderen Auszubildenden hoffte Yen, in Deutschland einen anerkannten Beruf zu erlernen und seiner Familie in Vietnam eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Dafür nahmen viele Familien hohe Kredite auf. Nach Aussagen von Betroffenen und Unterstützern reichen die Schulden teilweise von 10.000 bis 40.000 Euro.
Fragwürdige Fachkräftevermittlung
Als sich einige der Auszubildenden über ihre Situation beschwerten, unterschrieben sie Aufhebungsverträge, deren Konsequenzen ihnen nach eigener Aussage nicht ausreichend erklärt wurden. Damit verloren sie nicht nur ihre Ausbildungsplätze, sondern riskierten auch ihr Aufenthaltsrecht in Deutschland. Innerhalb weniger Monate mussten sie neue Ausbildungsbetriebe finden, um nicht ausreisen zu müssen.
Die Erfurter Integrationshelferin Undine Zentgraf unterstützt die Betroffenen. Sie kritisiert insbesondere die mangelnde Transparenz bei Teilen der internationalen Fachkräftevermittlung und beklagt die prekäre Lage vieler junger Menschen.
Boomender Markt mit Schattenseiten
Auch Wissenschaftler sehen strukturelle Probleme. Der Berliner Migrationsforscher Oliver Klawitter warnt vor Geschäftsmodellen, die von Intransparenz und finanzieller Abhängigkeit profitieren. Einige Praktiken erinnerten an Mechanismen, die man sonst eher aus dem Bereich des Menschenhandels kenne.
Das wirft zugleich ein Schlaglicht auf einen boomenden Markt. Wegen des Fachkräftemangels setzen immer mehr Unternehmen auf die Anwerbung von Arbeitskräften und Auszubildenden aus dem Ausland. Seriöse Vermittlungsagenturen leisten dabei wichtige Arbeit. Experten kritisieren jedoch, dass unseriöse Anbieter bislang nur unzureichend kontrolliert würden. Besonders problematisch seien Vermittlungsgebühren, die trotz gesetzlicher Verbote indirekt auf die Auszubildenden abgewälzt würden.
Der Kampf um die Zukunft
Dennoch gibt es auch positive Beispiele. Die thüringische Bäckerei Bergmann verzichtet inzwischen auf private Vermittler und arbeitet stattdessen mit öffentlichen Programmen. Dort fanden schließlich auch einige der betroffenen Vietnamesen eine neue Perspektive.
Am Ende konnten Tam, Yen und ihre Mitstreiter neue Ausbildungsplätze finden und in Deutschland bleiben. Doch nur einer von ihnen setzt seine ursprünglich geplante Ausbildung in der Pflege fort. Damit zeigt ihr Schicksal nicht nur die persönliche Belastung der Betroffenen, sondern auch ein grundlegendes Problem: Während Deutschland dringend Fachkräfte sucht, gehen durch fragwürdige Vermittlungspraktiken mitunter genau jene Menschen verloren, die den Mangel eigentlich beheben sollten.