Betroffene berichten von ihrer Flucht:Zwangsheirat: Wenn der Stuhl nach den Ferien leer bleibt
von Ninve Ermagan, Ulrike Rödle
Wenn der Familienurlaub zum Albtraum wird: In den Sommerferien wächst für manche Mädchen die Gefahr, im Herkunftsland zwangsverheiratet zu werden. Betroffene berichten.
Zwangsheirat gilt als Menschenrechtsverletzung, doch ist auch in Deutschland für viele junge Frauen Realität. Die Stadt Berlin versucht, Schulen für das Problem zu sensibilisieren.
03.08.2026 | 3:24 minSamira heißt eigentlich anders. Ihren richtigen Namen will sie aus Angst vor ihrer Familie nicht nennen. Auch ihr Alter und ihren Wohnort will sie geheim halten - aus Selbstschutz. Schon früh habe sie gemerkt, dass für sie andere Regeln gelten als für ihre Freundinnen: keine Treffen am Nachmittag, keine Partys, kein Freund.
Die damalige Schülerin will Karriere machen und selbstbestimmt leben. Doch ihre Eltern haben andere Pläne für sie: eine Zwangsheirat in Pakistan - mit einem Mann, den sie nicht kennt. Und das mitten in den Ferien.
Von Familie massiv unter Druck gesetzt
Samira blickt zurück auf ein Versprechen, das ihr Sicherheit geben sollte: Vor dem Abflug lässt sie ihren Vater auf den Koran schwören, dass sie den Heiratskandidaten ablehnen dürfe, sollte er ihr nicht gefallen. Nach ihrer Ankunft lernt sie den Mann kennen. Noch am Abend des ersten Treffens soll sie sich entscheiden.
Doch ihr Nein wird nicht akzeptiert. Ihr Vater sei wütend geworden und habe sie massiv unter Druck gesetzt, erzählt Samira. Stundenlang hätten Angehörige auf sie eingeredet. Am nächsten Morgen gibt sie auf.
Ich habe dann aus Verzweiflung Ja gesagt, weil ich Angst hatte, nicht mehr nach Deutschland zurückzukommen.
Samira
Zurück in Deutschland soll Samira die Papiere für den Nachzug ihres Ehemanns beantragen. Sie weigert sich. Daraufhin eskaliert die Situation zu Hause. "Mein Vater drohte, mich nach Pakistan zu verschleppen, meinen Pass zu zerreißen. Ich würde nie wieder nach Deutschland kommen." Samira vertraut sich einer Lehrerin an - und flieht.
Wenn die Ehe arrangiert ist: Fahima hat jung geheiratet, einen Cousin. Erst nach 16 Jahren gelingt es ihr, sich aus der Beziehung zu lösen und ein neues, selbstbestimmtes Leben zu führen.
03.11.2024 | 29:57 minVerschleppt in der Ferienzeit
Samira ist kein Einzelfall. Auch Schulsozialarbeiterin Katrin Domke kennt die Gefahr, dass Mädchen während der Ferien ins Herkunftsland ihrer Familie verschleppt und dort gegen ihren Willen verheiratet werden. Sie hat bereits Schülerinnen geholfen, die von ihrer Familie ins Ausland gebracht wurden.
Solche Rückholungen dauern lange und müssen unter größter Diskretion ablaufen, erzählt sie. Und sie weiß, welche jungen Frauen besonders gefährdet sind:
Wir haben überwiegend junge Frauen mit Migrationshintergrund, mit muslimischer Religionszugehörigkeit. Und das ist so die Gruppe, die hier an unserer Schule überwiegend davon betroffen ist.
Katrin Domke, Schulsozialarbeiterin
Wer Hilfe sucht, muss das unbemerkt tun können. "Wenn dann Schülerinnen zu uns kommen, dann müssen wir wirklich höllisch aufpassen", sagt Domke. Ahne eine Familie, dass etwas im Busch ist, steige der Druck - und manchmal seien die Mädchen dann plötzlich ganz verschwunden. Sobald eine Familie erfahre, dass ein Mädchen sich gegen sie stellt, werde es wirklich gefährlich.
Wir wissen, das kann eben auch mit einem Mord enden, um eben die sogenannte 'Ehre' wiederherzustellen.
Katrin Domke, Schulsozialarbeiterin
Wie viele Frauen von Zwangsheiraten betroffen sind, ist schwer zu ermitteln und auch hier ist die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher, da sich die Betroffenen in sehr wenigen Fällen an die Behörden wenden. Eine auf das Jahr 2022 bezogene Umfrage des Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsheirat hat 1.380 Einrichtungen, darunter Beratungsstellen, Schulen, Jugendämter und andere Behörden, angeschrieben und 532 Rückmeldungen erhalten.
Demnach sind im Jahr 2022 insgesamt 496 Fälle von geplanten, befürchteten oder vollzogenen Zwangsverheiratungen bekannt geworden. Von den Betroffenen oder Bedrohten waren 91 Prozent weiblich. 88 Prozent der vollzogenen Zwangsverheiratungen fanden im Ausland statt, größtenteils während der Ferien. Der Arbeitskreis fordert eine bundesweite Studie, die das Ausmaß von Zwangsverheiratungen abbildet, denn die letzte Studie bezieht sich auf das Jahr 2008.
Quelle: Arbeitskreis Zwangsheirat
Berliner Bezirksämter warnen Schulen
Für manche Schülerinnen beginnt mit dem Abflug in die Sommerferien kein Urlaub, sondern ein Albtraum. Mehrere Berliner Bezirksämter warnen die Schulen deshalb schon vor Ferienbeginn. Denn bleibt ein Platz im Klassenraum nach den Ferien leer, kann es längst zu spät sein: Ist ein Mädchen erst im Ausland, sind die deutschen Behörden fast machtlos.
Auch die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes schlägt Alarm. Mit der "Weißen Woche" will sie Schulen für Früh- und Zwangsverheiratungen sensibilisieren. Gemeinsam mit der Polizei besuchten Aktivistinnen auch in diesem Jahr Berliner Schulklassen. Was ihnen die Berliner Jugendlichen dort erzählen, sei beunruhigend. Myria Böhmecke von Terre des Femmes sagt:
Wir gehen davon aus, dass in jeder Klasse Betroffene sitzen, die der Gefahr ausgesetzt sind.
Myria Böhmecke, Terre des Femmes
Hinter dieser Einschätzung stehen konkrete Hilferufe. Laut Böhmecke steckte ein Mädchen einem Polizisten unbemerkt einen Zettel zu. Darauf standen nur drei Worte: "Ich brauche Hilfe."
Die meisten Betroffenen sind weiblich. Doch auch Jungen können laut TdF zwangsverheiratet werden. Ein Schüler habe vor der gesamten Klasse gesagt, er könne nichts dagegen tun, sollte seine Mutter ihn zur Heirat zwingen wollen.
Wann ist ein Mord ein Ehrenmord, wer sind die Täter und spielt der Ehrbegriff bei Jugendlichen heute überhaupt noch eine Rolle.
06.03.2020 | 15:30 minUnter strenger Kontrolle
Warum werden Mädchen überhaupt zwangsverheiratet? Für Böhmecke geht es vor allem um die Kontrolle weiblicher Sexualität.
Junge Mädchen werden zwangsverheiratet, weil von ihnen die Ehre der Familie abhängt.
Myria Böhmecke, Terre des Femmes
"Sie werden schon ganz früh auf ihre Rolle als Mutter, Ehefrau und Hausfrau vorbereitet. Sie müssen jungfräulich in die Ehe gehen, sie werden streng kontrolliert." Mit einer frühen Verheiratung solle aus Sicht der Familien das Risiko minimiert werden, dass die Mädchen eine voreheliche Beziehung eingehen.
Vor Familie geflüchtet, das Trauma bleibt
Auch Saba kennt diese Kontrolle. Ihr richtiger Name und ihr Gesicht müssen verborgen bleiben. Kontakte zu Jungen, Freundschaften, allein rausgehen - fast alles sei ihr verboten gewesen. "Eigentlich durfte ich nichts", sagt die 16-Jährige. Immer wieder habe ihre Familie angekündigt, sie nach Äthiopien zu bringen und dort einen Mann für sie auszuwählen. "Ich kann mir nicht vorstellen, eine Person zu heiraten, die ich nicht kenne oder liebe."
Mit 14 Jahren floh Saba vor ihrer Familie. Sie hat sich von ihr und den Misshandlungen gelöst. Das Trauma bleibt - und die Verbrennungen an ihrem Körper. Vielen Mädchen gelingt die Flucht nicht. Saba hat es geschafft.
Zwangsheirat ist seit dem 1. Juli 2011 ein eigener Straftatbestand (§ 237 StGB). Der Strafrahmen liegt bei sechs Monaten bis fünf Jahren Haft. Strafbar ist auch, jemanden zur Eheschließung ins Ausland zu bringen - ebenso der Versuch. In Deutschland darf man erst ab 18 heiraten. Bis 2017 konnten Jugendliche ab 16 mit Zustimmung des Familiengerichts heiraten. Diese Ausnahme schaffte das Gesetz zur Bekämpfung von Kinderehen ab. Seitdem gilt die Volljährigkeit ausnahmslos. Auch das Einverständnis der Eltern reicht nicht (§ 1303 BGB).
Quelle: Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV)
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