Schwerkrimineller flieht aus Arztpraxis:Rätselhafte Flucht in Essen beschäftigt nun NRW-Landtag
von Dominik Müller-Russell
Die Befreiung eines Schwerverbrechers während eines Arztbesuches wirft immer mehr Fragen auf. Bei einer Sondersitzung des Rechtsausschusses konnten nur wenige beantwortet werden.
In Essen hat ein Häftling einen Arztbesuch zur Flucht genutzt. Nach Polizeiangaben überwältigten zwei unbekannte Männer zwei JVA-Bedienstete, die ihn begleiteten, und halfen ihm zu entkommen.
14.10.2026 | 0:54 minEs müssen dramatische Szenen gewesen sein: Zwei maskierte Männer lauern im Treppenhaus eines Ärztehauses in Essen. Als der Schwerverbrecher Dijvar Gündüz und seine begleitenden Justizwachen das Treppenhaus betreten, überwältigen die Maskierten die beiden Justizbeamten. Dann schließen sie die Fesseln des Schwerverbrechers auf und verschwinden mit ihm aus dem Ärztehaus, mitten in der Essener Innenstadt.
Seitdem fehlt von dem 34-jährigen Kriminellen und seinen beiden Befreiern jede Spur. Dafür stellen sich umso mehr Fragen, je mehr Details zu der spektakulären Gefangenenbefreiung bekannt werden. Nordrhein-Westfalens Justizminister Benjamin Limbach hatte heute alle Mühe, diese Fragen bei einer Sondersitzung des Rechtsausschusses im Düsseldorfer Landtag zu beantworten.
Laut dem jüngsten Lagebild zur Clankriminalität sinken die Straftaten insgesamt. Doch die Zahl der Tatverdächtigen erreicht den bisher höchsten verzeichneten Stand.
10.12.2025 | 1:43 minJustizminister: "Dreister Angriff auf unseren Staat"
Die Befreiung selbst nennt Limbach einen "dreisten Angriff auf unseren Staat". Zunächst: Wer wusste alles von dem Arztbesuch, den der zu zwölf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilte Dijvar Gündüz für eine geplante MRT-Untersuchung vornehmen sollte? Der Gefangene selbst soll erst am Vorabend von seinem Arzttermin erfahren haben. Wie die Befreier von dem Termin erfuhren, sei nun Teil der Ermittlungen, heißt es aus dem Ministerium.
Die Umstände, wie die zwei Befreier im Flur des Ärztehauses die beiden begleitenden Justizbeamten überfielen und Dijvar Gündüz seiner Fesseln entledigten, werfen gleich mehrere Fragen auf. "Die Helfer sollen eigene Schlüssel dabeigehabt haben, um den Häftling von seinen Fußfesseln zu befreien", erklärt Sigrid Hellweg, die Leiterin der Strafvollzugsabteilung im Justizministerium.
Polizeibeamte stehen in unmittelbarer Nähe zum Tatort an einem Ärztehaus in Essen.
Quelle: Christoph Reichwein / dpaIn der JVA Essen fehlen keine Schlüssel
Die Schlüssel, die die Wachen von Gündüz bei sich trugen, seien nicht entwendet worden. Gleichzeitig heißt es aber, dass auch in der JVA Essen selbst keine Schlüssel zu den Fußfesseln fehlen.
Mithilfe welcher Schlüssel wurde Gündüz nun befreit? Einer der beiden Justizbeamten soll im Treppenhaus seine Waffe gezogen und versucht haben, zu schießen. Doch bevor er die Waffe entsichern konnte, habe ihm einer der Maskierten die Dienstpistole aus der Hand geschlagen. Womöglich spielt dabei eine Rolle, dass sich die Waffen von JVA-Beamten generell nicht so schnell entsichern lassen wie etwa Pistolen der Polizei.
Minister steht immer mehr in der Kritik
Hätte die Befreiung ansonsten verhindert werden können? Und warum war die Essener Polizei nicht im Vorfeld über den Arztbesuch informiert worden, wie es bei Verbrechern dieses Kalibers üblich sein soll? Gündüz sitzt wegen schwerer Gewalt- und Drogendelikte ein und hat eine lange kriminelle Karriere.
Nach seiner Flucht seien sechs Stunden vergangen, bis die Polizei eine Fahndung herausgab. Es habe Abstimmungsprobleme gegeben. Auch das verspricht NRW-Justizminister Limbach (Grüne) aufzuklären. Gleichzeitig steht der Minister selbst immer mehr in der Kritik. "Die Frage nach möglichen Mitwissern bleibt auch nach der heutigen Sitzung unbeantwortet im Raum", sagt der stellvertretende rechtspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag, Hartmut Ganzke, nach der Sondersitzung.
Zudem: Warum hatte die Polizei von dem Arztbesuch eines hochgefährlichen Straftäters keine Kenntnis?
Hartmut Ganzke, stellv. rechtspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion
Der Fall reihe sich ein in das Chaos im NRW-Justizvollzug, erklärt Werner Pfeil, rechtspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion. Aus Limbachs Justizministerium heißt es: Die Fahndung nach den Flüchtigen laufe mit Hochdruck. Die weiteren Ermittlungen zum Tatablauf und zu den Hintergründen der Gefangenenbefreiung dauerten an.
Dominik Müller-Russell ist Reporter im ZDF-Landesstudio Nordrhein-Westfalen.
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