60 Jahre "Delis" in der DDR:"Delikatläden": Ein wenig westlicher Luxus im Sozialismus
von Anja Charlet
Vor 60 Jahren öffneten die ersten Delikatläden in der DDR. Dort gab es West-Delikatessen zu gepfefferten Preisen. Der Traum von westlicher Lebensart im Sozialismus.
Vor 60 Jahren eröffneten in der DDR die ersten Delikatläden. Gegen DDR-Mark boten die Geschäfte besondere Lebensmittel zu hohen Preisen an.
17.08.2026 | 7:46 minDie Versorgung der Bevölkerung der DDR mit Konsumgütern, das blieb bis zum Ende der Republik ein Problem. Billige, hoch subventionierte Lebensmittel gab es immer. Ein Kilo Brot kostete konstant 80 Pfennig. Aber der Mensch lebt bekanntlich nicht vom Brot allein.
Und so träumte man vom Fichtelberg in Sachsen bis Cap Arkona auf Rügen nicht nur von Bananen und Apfelsinen, die es einmal im Jahr auf Zuteilung gab, sondern auch von Bohnenkaffee, Ananas, Ölsardinen und Schokolade wie im Westen. Schön verpackt, so dass man gleich erkennen konnte: Das ist was Besonderes.
Am 13. August 1961, vor genau 65 Jahren, riegelt die DDR die Grenze zu West-Berlin ab und beginnt mit dem Bau der Berliner Mauer.
13.08.2026 | 1:48 minDie DDR wollte Kaufkraft abschöpfen
Die Ostdeutschen hatten durchaus Geld. 1.300 Ostmark im Monat verdiente ein DDR-Bürger 1989 durchschnittlich. Viel Geld in einem Land, in dem man wenig ausgeben konnte. Was damit anfangen? Das war eine Grundsatzfrage in der real existierenden Mangelwirtschaft.
Die Menschen wollten sich einfach mal etwas leisten. Und für den Staat galt es, die Kaufkraft abzuschöpfen und den Bürgern etwas zu bieten. So kamen nach den Exquisit-Geschäften, wo es Mode, Kosmetik und Lederwaren zu horrenden Preisen gab, 1966 die ersten Delikatläden dazu.
Was ist “der Osten“, was ist dessen Identität? Die AfD versucht dieses Thema mit eigenen Inhalten zu besetzen und so neu zu definieren. Gezielt werden dafür DDR-Produkte vereinnahmt.
30.04.2026 | 22:02 minUnter Honecker gab es immer mehr Delikatläden
Im Volksmund auch "Deli" genannt. Feinkost für den gehobenen Bedarf, so hieß es offiziell. Zu gepfefferten Preisen gab es einen Hauch westlichen Luxus: Zum Beispiel westdeutschen Bohnenkaffee oder italienischen Aperitif.
Das System der Delikatläden wurde in den 1970er Jahren in der DDR unter Erich Honecker massiv ausgedehnt, sagt der Historiker Matthias Judt: "Auf alle Bezirksstädte, auf ganz wichtige Kreisstädte, sogenannte Zentren der Arbeiterklasse, da gab es überall Delikatläden."
Der 'Delikat' ist eben auch akzeptiert worden, weil man für die Geburtstagsfeier, für die Weihnachtsfeier, für die Hochzeitsfeier oder sonst etwas bessere Lebensmittel kaufte und sich etwas gönnte.
Matthias Judt, Historiker
In Delikatläden gab es vor allem teure Produkte
Dafür musste man allerdings tief in die Tasche greifen. So kostete eine Packung Jacobs-Kaffee 23 DDR-Mark. Französischer Weißwein 28 je Flasche. Das war in etwa so viel wie eine durchschnittlich halbe Monatsmiete.
Generell waren die Lebenshaltungskosten wie Miete, Strom und Gas in der DDR sehr niedrig. Für den Quadratmeter bezahlte man in der DDR 0,80 bis 1,25 DDR-Mark. Die Mietpreise waren auf den Stand von 1936 eingefroren. Facharbeiter wurden in der Regel gut bezahlt im Arbeiter- und Bauernstaat. Dort war Geld vorhanden, sagt der Historiker Matthias Judt.
"Steffi" war die Modepuppen-Antwort des Ostens. Blauer Lidschatten, 30 Zentimeter groß und ein unverwechselbarer Blick. Heute zahlen Sammler bis zu 1000 Euro.
09.04.2026 | 1:32 minFür viele Rentner allerdings blieb der Gang in den "Deli" eher die Ausnahme. "Die Renten waren niedrig. Im Grunde genommen gab es Altersarmut", so Matthias Judt.
In der DDR waren Preiserhöhungen tabu
Die billigen Preise für Grundnahrungsmittel zu erhöhen, war ein Tabu für die SED-Partei- und Staatsführung. Das hatte schon einmal ins Verderben geführt: Am 17. Juni 1953 hatte es einen Aufstand in der DDR gegeben. Wegen erhöhter Arbeitsnormen und eben auch wegen Preiserhöhungen.
Es war eine ideologische Vorgabe, dass man sagte: Keine offiziellen Preiserhöhungen.
Matthias Judt, Historiker
Ökonomisch betrachtet konnte sich die DDR das eigentlich nicht leisten.
Die DDR produzierte teils im Auftrag des Westens
Kamen Produkte wie Schlagschaum von "Dr. Oetker", "Jacobs-Kaffee", Schokolade, Ananas und Pfirsiche in Dosen tatsächlich aus dem Westen? Es war zum großen Teil Gestattungsproduktion, sagt der Historiker Matthias Judt. Das heißt: "Made in East Germany", im Auftrag der Konzerne aus dem Westen.
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24.04.2026 | 2:49 minDas Besondere an den Delikatläden: Hier konnte jeder DDR-Bürger ausnahmslos für Ostmark einkaufen. Im Gegensatz zum "Intershop", wo ausschließlich harte Devisen zählten. Da blieb die Hälfte der Bevölkerung ausgeschlossen. Das führte zu Neid. Und man wollte die Bürger ja bei Laune halten, sodass sie keine Streiks oder gar eine Revolte anzettelten.
Mit dem Mauerfall kam auch das Ende der Delikatläden. Sie wurden nicht mehr benötigt. Was bleibt, sind persönliche Erinnerungen an kleine Freuden und Fluchten aus dem teils oft grauen Alltag in der DDR.
Vor einem halben Jahrhundert gewann die DDR das olympische Fußballfinale der Männer.
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